dak-art logoDakar. - Unter dem großen Motto "Produire le commun" (Gemeinsamkeit schaffen) wurde die 11. Biennale Dak'Art im Zentrum der senegalesischen Hauptstadt Dakar eröffnet. Das Motto der Kunstausstellung, die bis 8. Juni dauert, ist durchaus programmatisch zu verstehen, denn die Dak'Art bietet zum ersten Mal eine Plattform für afrikanische und nicht-afrikanische Künstler. Sie schafft auch Gemeinsamkeit zwischen bekannten und unbekannteren Künstlern sowie dem IN- und dem OFF-Programm.

Mit dem typisch afrikanischen Ideal der Verbundenheit wirbt die Biennale auch in ihrem Plakat. Vier Kuratoren - Elise Atangana (Kamerun/Frankreich), Abdelkadar Damani (Algerien), Smooth Ugochukwu (Nigeria/USA) und Massamba Mbaye (Senegal) - zeichnen für die diesjährige Schau verantwortlich. Sie stammen alle aus Afrika und leben teils in Europa und den USA. Die europäische Dominanz bei den vorherigen Biennalen in Dakar schmilzt also langsam ab - endlich!

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Werbetafel der 14. Biennale Dak'ART im Stadtteil Colobane von Dakar

Zum Auftakt zur Eröffnung ist ein senegalesisches Trommelkonzert vor dem Museum Thèodore Monod zu hören, dessen Klänge die Besucher durch den Parcours der Skulpturen begleiten. "Diversität der Kulturen" heißt die erste der fünf Ausstellungen, die das sogenannte In-Programm bilden. Ergänzt werden sie durch etwa 200 Ausstellungen im Off-Programm, das gleichberechtigt in der kostenlosen Broschüre zur Biennale veröffentlicht wird.

Leider findet sich in dieser ersten Künstlerschau mit 26 Künstlern aber kaum etwas von der angekündigten "Diversität der Kulturen" wieder. Vielmehr herrscht eine erstaunliche Einheitlichkeit der Werke in Malerei, Installation und Skulptur vor, die auch noch alle klischeeartigen Erwartungen von afrikanischer Kunst erfüllt: Lehmfiguren aus Mali, Abfallinstallationen und mit Sand und anderen Materialien angedickte Farben in der Malerei, wie sie gerne auch von Autodidakten verwendet werden. Zumeist werden recht bekannte Motive des afrikanischen Alltags aufgegriffen. Bunte Erden der Touristenküste Petite Côte der deutschen Künstlerin Ulrike Arnold werden pittoresk in Kalebassen als Installation dargeboten, ergänzt durch Bilder mit eben diesem Material. Ebenso aufwändig wie nichtssagend ist die Installation von Momar Seck (Senegal/Schweiz) mit dem Titel "Stau"; auch ein Phänomen des modernen afrikanischen Alltags. Eine Anordnung von Spielzeugautos läuft auf Flaschen zu, eine Verbildlichung des französischen Ausdrucks für Stau als Flaschenhals ("L'embouteillage").

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"L’Embouteillage", Installation von Momar Seck

Um die Aufzählung weiterer Enttäuschungen zu vermeiden, hier zwei der herausragenden Beispiele dieser ersten Schau: die Fotoserie von Stephane L'hôte (Frankreich) und das Video "Black Bullets" (Schwarze Kugeln) des Künstlerduos Jeannette Ehlers und Patricia Kaersenhout (Dänemark/Niederlande/Surinam). L'hôte zeigt in fünf kleinen Formaten arbeitende und mit Reifen spielende Kinder am Strand. Obwohl auch dies ein gängiges Motiv für Afrika ist, geben diese Bilder dem Ganzen einen anderen Aspekt: Melancholisch aufgeladen zeigen sie die Einsamkeit von Kindern, wie sie auch die Titel der Arbeiten ausdrücken: "Tout seul" (Ganz allein) oder "Seul au monde" (Allein auf der Welt). Zu Recht wurde eine dieser Arbeiten auch zum Emblem der Werbetafeln für diese Dak'Art ausgewählt.

Rätselhaft und atemberaubend schön ist das Video "Black Bullets", das eine Prozession von Afrikanern zeigt, die langsam und stumm zwischen Himmel und Wasser versinkt. Das setzt viele Assoziationen frei: von im Meer ertrunkenen Afrikanern bei dem Versuch, Europa zu erreichen bis hin zum Kanonenfutter in beiden Weltkriegen, wo viele Afrikaner gezwungen wurden, für die Kolonialländer zu kämpfen.

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"Black Bullets", Video von Jeannette Ehlers und Patricia Kaersenhout

Ein Hoffnungsträger der ganz jungen Künstlergeneration ist der Senegalese Mbaye Babacar Diouf. Er studiert noch an der Ecole des Beaux Arts in Dakar. Seine vielteiligen, zu einem Ganzen zusammengefügten Bilder zeigen unzählige Notizzettel, in denen er die verschiedenen Schriftarten zu einem fiktiven, mit Piktogrammen durchsetzten Ornament verschmilzt.

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Zeichnung auf Notizzetteln von Mbaye Babacar Diouf


RENCONTRES ET ECHANGES

Die zweite, zentrale Ausstellung der Dak'Art unter dem Motto "Rencontres et echanges" (Begegnungen und Austausch) entschädigt dann allerdings vielfach für den mauen Auftakt. Gleich vor der großen Halle im eigens für diesen Ort errichteten Village de la Biennale mitten im Industriegebiet von Dakar trumpft die Künstlerin Justine Gaga (Kamerun) mächtig auf - zumindest verbal. Zu ihrer Installation von antropomorphen Gaskanistern heißt es im Kommentar zu ihrem Werk: "Die Welt ist rassistisch, gewalttätig, sexistisch bis an den Punkt der Explosion."

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Eingang zum Village de la Biennal

Schrill geht es weiter mit einer aus Keramik gestalteten Konferenztisch-Verballhornung aus Pissoirschüsseln in entsprechendem Gelb, die durch Schaumstoffmikrophone und Klopapierrollen ergänzt wird. Real-bizarr wirkt das Ganze auch deshalb, weil sich auf der begehbaren Installation von Faten Rouissi (Tunesien) tatsächlich Menschen mit ihren Laptops auf diesen 'Stühlen' niederlassen. "Le Fantôme de la Libertè" (Das Phantom der Freiheit) nennt Rouissi ihre Arbeit und beschreibt in ihrem Kommentar dazu die Enttäuschung über die neue Regierung in ihrem Heimatland und die vielen politischen Diskussionen und Konferenzen, die zu nichts geführt hätten.

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Faten Rouissi: "Das Phantom der Freiheit"

Eine echte Begegnung sind die Bilder auf Reispapier von Eric Pina (Senegal/Deutschland). Seine figurativen Kompositionen mischen sich fast wie Anwesende unter die Ausstellungsbesucher.

Prominent in einem eigens dafür gemauertem Halbrondell wird der epische Film "Peripeteia" (Überraschung, Umschwung) von John Akomfrah (Ghana/UK) gezeigt. In einer weiten, typisch nordeuropäischen Landschaft im Herbst laufen ein afrikanischer Mann und eine afrikanische Frau scheinbar ziellos umher. Der Mann ist wie ein Bettelmönch gekleidet, die Frau trägt das Gewand einer Magd aus dem späten 19. Jahrhundert. Beide wirken deplatziert und verkleidet.

Diese bildgewaltigen Aufnahmen werden durchsetzt mit zwei Zeichnungen von Dürer - offensichtlich Vorbilder für die beiden Protagonisten des Videos. Bildern aus dem "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch - in dem ebenfalls Darstellungen schwarzer Menschen vorkommen - werden historische Fotos der Sklaverei gegenübergestellt. Die Botschaft bleibt ambivalent. Die Absicht, in "Perepeteia", die "stürmische Geschichte des schwarzen Mannes" - warum nur des Mannes? - "in einem harten Europa zu zeigen und ihr endlich eine Stimme und eine Identität zu geben", so der Künstler in seinem Kommentar, ist ohne intensives Nachlesen im Katalog schwer nachvollziehbar. Aber die Beklemmung - vor allem beim westlichen Betrachter - in Form von diffusen Schuldgefühlen funktioniert.

Die Macher der diesjährigen Biennale sind weitaus versöhnlicher gestimmt, wenn sie dieses Thema im Programm streifen und schreiben: "Die wahre Kunst ist 'Ent- und Verwurzelung'" (nach einem Zitat des ersten senegalesischen Präsidenten Leopold Senghor) und auf die teils schmerzhaften Erfahrungen von Migration verweisen. Verwurzelung und Entwurzelung haben immer wieder Mischformen von Kulturen hervorgebracht, aber auch Austausch und Begegnung bewirkt, dessen Amalgam das Ergebnis eines ständigen kulturellen Prozesses ist.

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"Not for Sale" von Sidi Diallo

Plakativ und kritisch gegenüber seinen eigenen Landsleuten ist die Arbeit Sidy Diallos "Not for Sale" (Nicht zu verkaufen). Diallo beklagt den Brain-drain junger Afrikaner, die in die USA und nach Europa emigrieren - um niemals zurückzukehren. Vielmehr verkauften sie sich "dem besten Anbieter" und hätten nichts mit einem Austausch mit ihren Herkunftsländern im Sinn.

Wie ein verstörender Albtraum wirkt das Video von Wangechi Mutu (Kenya/USA) "The End of Eating Everything". Dort schwimmt eine Art Medusa von links immer mehr ins Bild, der Rest der Leinwand besteht aus einem abgründigen Meer aus schwarzen Fischen. Immer mehr wabert diese Medusa in den sich infernohaft verdunkelnden Bildraum und zieht langsam einen bizarren Leib aus Müll, verunglückten, noch halb lebenden Wesen und verkohlten Resten aus nur zu ahnenden Katastrophen in engster Verfilzung hinter sich her. Zum Schluss schweben die abgeschlagenen Köpfe der Medusa in vervielfältigter Form im trügerischen Azurblau durch das Bild.

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Bild aus dem Video "The End of Eating Everything" von Wangechi Mutu

In diesem Teil der Biennale, "Austausch und Begegnung", wird besonders deutlich, wie vielfältig afrikanische Künstler alle Medien von Comic, Storyboards, Video und Installation nutzen und im intensiven Austausch mit anderen Bildkulturen stehen. Zudem spielen gerade die Bildmedien wie Fernsehen, Videokunst, Comics in weiten Teilen Afrikas - mit einem immer noch großen Anteil an Analphabeten - eine bedeutende Rolle und sind entsprechend hoch entwickelt. Auf diese Weise hat die zeitgenössische afrikanische Kunst mit den sogenannten neuen Medien den Anschluss an die westliche Kunstszene geschafft - vorausgesetzt, dass es heute überhaupt noch darum geht, dieser eine Vorbildfunktion einzuräumen.

Neben dieser triumphalen Schau, bei der auch der Sponsor, die Royal Maroc Airlines, die alle Flüge bezahlt hat, mächtig abgefeiert wird, sieht die Biennale noch einige Künstlerhommagen vor. Am neu erbauten Place du Souvenir - unweit der protzigen Statue des Monuments der afrikanischen Renaissance - werden zwei Altmeister der afrikanischen Kunstszene geehrt: Mbaye Diop (✢ 2013) und Mamadou Diakhatè (geb. 1938).

Dem kürzlich verstorbenen Mbaye Diop (Senegal), ehemaliger Generalsekretär der Dak'Art, ist es u.a. zu verdanken, dass die diesjährige Biennale auch für nicht-afrikanische Künstler geöffnet wurde. Immer wieder hat er über den panafrikanischen Appell hinaus auch die Beteiligung nicht-afrikanischer Künstler an der Dak'Art gefordert.

Mamadou Diakhatè, senegalesischer Künstler zwischen Deutschland und Senegal, malt seit über 40 Jahren nur noch mit seinen Fingern. Vermutlich hat er sich in der afrikanischen Kunstszene deshalb einen ebenso exklusiven Namen gemacht wie sein deutscher Kollege Georg Baselitz, der alle seine Bildmotive auf dem Kopf malt.

Das Werk des Bildhauers Moustapha Dimè (1952 - 1998, Senegal) wird in einer aufwändigen Installation in der Galerie Nationale gezeigt. Die großformatigen Fotoglaskästen zeigen den Künstler selbst und werten die Ausstellung deutlich auf. Auch der mit Sand ausgestreute Parkour zwischen den Skulpturen geht auf Eingriffe der Ausstellungsmacher zurück.

Die diesjährige Biennale ist eindeutig umfangreicher als alle vorhergehenden. Neben dem neugeschaffenen Village de la Biennale bespielt sie außerdem noch den botanischen Garten auf dem Kampus der Universität. "Green Art" nennt sich dieser Teil der Biennale - hauptsächlich aber genießt man dort mehr die Ruhe und den Garten als die Miniaturausgaben von Land Art, die bei den mächtigen Bäumen des Gartens fast untergehen. Der Belgier Bob Verschueuren und der senegalesische Künstler Serigne Mbaye, der auch in der Off-Biennale vertreten ist, zeigen die eindeutig besten Arbeiten auf diesem schwierigen Gelände.  
 
Wie immer können die vorformulierten, hochfliegenden Ideale von diesem gröflten Kulturevent des Senegal nicht wirklich eingelöst werden. Im Programm wird - bester Kuratorenjargon - postuliert, dass Kunst in der Lage sein sollte, "die Hoffnungen und Ängste, die alltäglichen Kämpfe mit der größten Ernsthaftigkeit wahrzunehmen". Und die Begegnung mit Kunst sollte "ein Versuch [sein], einen öffentlichen Ort zu erschaffen, den Menschen in Migration und Aufruhr suchen". Zweifelhaft ist auch, ob "für einen großen Teil der zeitgenössischen Künstler die Politik das Prisma [ist], durch die sie die Realität wahrnehmen und interpretieren".

Dennoch: Allein die Tatsache, dass viele der teilnehmenden Künstler in den USA, Europa und Afrika leben, und einige wenige tatsächlich auf zwei Kontinenten, illustriert, wie wichtig Identitätssuche durch die Kunst geworden ist. Getreu dem Motto der Biennale ist der Prozess, Gemeinsamkeiten zu produzieren, also bereits in vollem Gange. Denn viele der Künstler sind bereits im Westen ausgebildet und kehren von dort aus - zumindest mit ihrer Kunst - nach Afrika zurück. Offensichtlich bieten die Kunstmärkte in Afrika und auch die dortigen Kunsthochschulen noch nicht das, was junge afrikanische Künstler derzeit suchen.

Im Gegensatz zu den vielen Ausstellungskonzepten westlicher Kunstevents ist hier deutlich zu spüren dass es gilt, etwas "Lesbares" zu produzieren und dem Publikum zugänglich zu machen. Folgerichtig sind auch alle Ausstellungen der Biennale kostenlos. Beide Bemühungen, sowohl kostenlose Großevents als auch Kunst verständlich ('lesbar') zu machen, fehlen der westlichen Kunstszene, die sich doch sehr exklusiv gebärdet.

In einem schönen Wortspiel von "tout monde" (die ganze Welt) und "tout le monde" (jeder) formulieren die Kuratoren den Wunsch, Kunst zu zeigen die "jeden betrifft" und den künstlerischen Prozess als "eine öffentliche Stimme für einen gemeinschaftlichen Geist" einzusetzen. Die Herausbildung eines adäquaten gemeinschaftlichen Geistes ist in der westlichen Welt allerdings kein Ideal. Umgekehrt könnte jedoch genau ein solcher Zusammenhalt zukünftig einmal die schon heute spürbare, große innovative Kraft der außereuropäischen Kunst inspirieren.

ina zeuch gorillaFotos © Ina Zeuch

epo.de-Mitarbeiterin Ina Zeuch
ist bildende Künstlerin und Publizistin.
Sie lebt in Bonn.


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