klimagipfel paris cop21 300Paris. - Der Abschluß der Klimaverhandlungen in Paris wurde am Wochenende sowohl gefeiert als auch kritisiert. Der Umweltjournalist George Monbiot kommentierte den Klimavertrag im Guardian mit: "By comparison to what it could have been, it’s a miracle. By comparison to what it should have been, it’s a disaster." Laut zahlreichen deutschen zivilgesellschaftlichen Organisationen habe das Pariser Klimaabkommen erhebliche Fortschritte auf den Weg zu besserem Klimaschutz gebracht, bleibe aber in wesentlichen Punkten hinter den Notwendigkeiten zurück. Der Vertrag müsse schnell und ehrgeizig umgesetzt werden und reiche Staaten müssten in die Pflicht genommen werden.

Die Entwicklungsorganisation Oxfam kritisiert in ihrer Vertragsanalyse "What Will The Paris Agreement Be Remembered For" insbesondere die Unverbindlichkeit zu der Frage wie die Ziele erreicht werden. Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig kritisierte: "Weder haben die Länder in Paris verabredet, ihre schwachen Klimaschutzziele nachzubessern, noch enthält das Abkommen robuste Verpflichtungen für die reichen Länder zur Unterstützung der armen Länder bei der Anpassung an die klimatischen Veränderungen."

Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision bewertet das Abkommen ähnlich. Der Vertrag müsse schnelles und ehrgeiziges Handeln nach sich ziehen. Silvia Holten von World  Vision betonte: "Das Ergebnis in Paris geht in die richtige Richtung, aber es gibt noch viel zu tun. So ist nicht geklärt, mit welchen Mechanismen eine schnelle Reduzierung der CO2 Konzentration erreicht werden kann. Zudem muss gewährleistet werden, dass die Menschen in den Entwicklungsländern durch Nutzung sauberer Energie am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt werden können."

Für Brot für die Welt zeigt das Pariser Abkommen eine Perspektive für zukunftsweisende Klimapolitik auf, "auch wenn es keinen Anlass bietet, sich zufrieden zurückzulehnen", sagte Füllkrug-Weitzel.

Füllkrug-Weitzel beklagte viele Schlupflöcher, die die Zielerreichung in Frage stellen können. Die Herausforderung bestehe darin, sofort mit einer ambitionierten Umsetzung des Abkommens zu beginnen. "Jetzt müssen sofort die Schnürschuhe angezogen werden, um in großen Schritten den in Paris immerhin vorgezeichneten Weg zur Minderung der Treibhausgase rasch zu betreten und dann das Tempo der Aufholjagd stetig zu steigern, um deutlich unter zwei Grad Erderwärmung zu bleiben. Für die Bundesregierung bedeutet dies, im kommenden Jahr den Ausstieg aus der Kohle zu beschließen," erklärt sie.

Die Träger des Deutschen Umweltpreises 2015 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Prof. Dr. Mojib Latif und Prof. Dr. Johan Rockström, bewerten das Klimaabkommen von Paris unterschiedlich. Nach Meinung Latifs bleiben „viele Fragen offen“. Rockström sieht den Vertrag hingegen als „bedeutenden Durchbruch“ für den Klimaschutz. Latif sieht keinen wesentlichen Fortschritt zu der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen von Rio de Janeiro aus 1992. "Man konnte sich gestern in Paris lediglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen", meinte Latif. Rockström bewertet die Verhandlungsergebnisse als "einen großen Schritt nach vorne, der mit wissenschaftlichen Erkenntnissen einhergeht und eine Grundlage dafür bildet, die Welt in die richtige Richtung anzustoßen." Gerade weil einige nationale Selbstverpflichtungen im Ergebnis noch eine höhere Erderwärmung als zwei Grad Celsius mit sich brächten, fordert der Konferenzteilnehmer, dass "eine Überprüfung bereits in 2016 stattfinden muss." Auch für DBU-Generalsekretär Heinrich Bottermann ist es entscheidend, dass "Worten nun Taten folgen."

Rockström sieht in diesen Ergebnissen einen bedeutenden Durchbruch für den Klimaschutz. "Das alles ist wirklich ambitioniert und steht im Einklang mit der Wissenschaft", meinte der Direktor des Stockholm Resilience Centre. Das Abkommen treffe eine klare Aussage zu Spitzenwerten klimaschädlicher Abgase wie Kohlenstoffdioxid. Damit habe die Staatengemeinschaft eine Wende eingeleitet, um bis 2050 diese Emissionen zu verringern und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die vom Menschen produzierten Treibhausgase zu neutralisieren. Der schwedische Wissenschaftler sieht ähnlich wie Latif eine Schwäche im Vertrag darin, dass die Politiker kein konkreteres, quantitatives Minderungsziel für Emissionen von etwa 80 bis 100 Prozent bis 2050 festgeschrieben haben.

REICHE LÄNDER STEHEN IN DER PFLICHT

Millionen Menschen werden noch viele Jahre mit wetterbedingten Katastrophen zu kämpfen haben, Millionen Kinder werden weiterhin abends hungrig ins Bett gehen, kritisierte World Vision. Aktuell zeigen die Folgen des Klimaphänomens El Nino bereits katastrophale Auswirkungen in vielen Ländern des Südens. "Diesen Menschen können wir im Moment noch keine Hoffnung machen, dass sich ihre Lage schnell ändern wird", so Holten. "Wir können ihnen sagen, dass Fortschritte erzielt wurden und alle Regierungen mehr für eine gesunde Umwelt tun und den Menschen helfen müssen, um die Folgen von Klimakatastrophen zu bewältigen. Besonders die reichen Länder stehen jetzt in der Pflicht und müssen ihre Versprechungen schnell in die Tat umsetzen."

Mit der Zielfestschreibung, eine Erderwärmung von maximal 1.5 Grad Celsius zu erreichen, werde ein neues Zeitalter eingeläutet, das mittel- bis langfristig einen Ausstieg aus der Nutzung der fossilen Energien nach sich ziehen wird. Neben der Emissionsreduzierung muss jetzt die Wiederbegrünung und Wiederaufforstung von großen Flächen ein Ziel sein, um schnell CO2 zu binden.

"Das Abkommen wird die Welt der Energie- und Klimapolitik verändern", sagte auch Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Zum ersten Mal kündigen die Staaten der Welt eine globale Energiewende an und beschließen verschiedene Umsetzungsmechanismen dafür. Gemeinsam übersetzen sie die Temperaturobergrenze von 2 Grad in ein  wissenschaftlich untermauertes Langfristziel, das bis 2020 durch Strategien der Staaten untermauert werden soll. Sie halten sogar den Pfad zu einem 1,5-Grad-Limit offen. Alle 5 Jahre werde es Nachbesserungsrunden für die nationalen Klimaziele geben.

"Die Bewährungsprobe für das Abkommen stellt sich in den nächsten Monaten und Jahren bei der Umsetzung durch die Regierungen und bei den Investitionsentscheidungen von Unternehmen", sagte Bals. "Das Signal aus Paris setzt in Deutschland den Ausstieg aus der Kohle auf die Tagesordnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel muss jetzt zügig Pläne für einen Kohleausstieg innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte vorlegen. Die EU muss eine  Investitionsoffensive für Energieeffizienz sowie eine Verschärfung ihrer Klimaziele für 2020 und 2030 anpacken."
 
KOSTEN FÜR KLIMAANPASSUNG

Auch ein umfassendes Paket zur Solidarität mit den besonders vom Klimawandel Betroffenen wurde in Paris auf den Weg gebracht, heben Germanwatch und Brot für die Welt hervor. Dazu gehört ein Langfristziel für Klimaanpassung, Finanzierungszusagen und die Verankerung des Themas "Schäden und Verluste" im Abkommen. "Wir sehen hier den Anfang eines Prozesses, der in den nächsten Jahren hoffentlich Fahrt aufnimmt. Kooperation ist die einzig konstruktive Antwort auf den Klimawandel",  erklärt Bals.

"Die Verantwortung für klimabedingte Schäden und Verluste ist eine Zukunftsaufgabe, die auf alle Schultern solidarisch verteilt werden muss. Gravierende Folgen des Klimawandels wie die Vertreibung von Menschen durch extreme Wetterereignisse oder die Gefährdung der Ernährungssicherheit müssen gemeinsam bewältigt werden. Es ist ermutigend, dass die Vertragsparteien dies im Abkommen anerkannt haben", erklärte Füllkrug-Weitzel von Brot für die Welt.

Erstmals ist der Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten (Loss and Damage) als eigenes Kapitel im Abschlussdokument einer UN-Klimakonferenz enthalten. Damit wäre die zwanzigjährige Blockade der Industrieländer bei der Übernahme ihrer historischen Verantwortung überwunden und der Weg frei für die Erarbeitung konkreter Lösungen. Bedauerlich sei allerdings, dass in dem Entwurf auf Beharren der reichen Länder Schadensersatzklagen wegen Klimaschäden ausgeschlossen werden.


=> Oxfam Analyse "What Will The Paris Agreement Be Remembered For

Quellen: dbu.de / worldvision.de / oxfam.debrot-fuer-die-welt.de / germanwatch.org


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