unesco deBonn. - 3,6 Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung leben in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr von Wassermangel bedroht sind. 2050 werden es Prognosen zufolge bis zu 5,7 Milliarden sein. Der UN-Weltwasserbericht 2018 zeigt: "Naturbasierte Lösungen" wie Wiederaufforstung, Nutzung von Feuchtgebieten und gezielte Grundwasseranreicherung können eine wichtige Rolle bei der Verbesserung von Wasserversorgung und -qualität spielen. Diese Ansätze wurden bisher weitestgehend ignoriert, so die Autoren. UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay stellte den Weltwasserbericht am 19. März beim 8. Weltwasserforum in Brasilien vor.

"Klimawandel, Bevölkerungswachstum und steigender Konsum machen deutlich: Wir brauchen neue Lösungen für die Wasserbewirtschaftung", erklärte Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. "Wenn wir so weiter machen wie bisher, werden bis 2050 mehr als fünf Milliarden Menschen unter Wassermangel leiden. Auch drohen Konflikte ums Wasser. Für eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung brauchen wir Reformen und Innovationen. Wir müssen dabei auch natürliche und naturähnliche Prozesse viel stärker als bisher nutzen. Zwar sind die Investitionen in naturbasierte Lösungen zuletzt stark angestiegen, sie machen aber immer noch weit unter 1 Prozent der Investitionen in die Wasserbewirtschaftung aus. Das muss sich ändern."

Naturbasierte Lösungen (NBS) sind Formen der Wasserbewirtschaftung, die von der Natur inspiriert und unterstützt sind, die natürliche Prozesse nutzen oder diese imitieren. Der Erhalt und die Renaturierung von Ökosystemen zählen genauso dazu wie die Verbesserung oder Schaffung natürlicher Abläufe in veränderten oder künstlichen Ökosystemen. Naturbasierte Lösungen zeichnen sich durch ihre vielfältigen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteile aus. Sie sind zentral für die Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda, so die Autoren des Weltwasserberichts.

Durch umweltfreundlichere Verfahren der Wasserbewirtschaftung kann Schätzungen zufolge die landwirtschaftliche Produktion weltweit um etwa 20 Prozent erhöht werden. Der Weltwasserbericht zeigt anhand von Förderprojekten für die Landwirtschaft in 57 einkommensschwachen Ländern, dass die durchschnittlichen Ernteerträge um 79 Prozent erhöht werden können, wenn Wasser effizienter genutzt wird, weniger Pestizide zum Einsatz kommen und die Bodenbedeckung verbessert wird. Im indischen Bundesstaat Rajasthan stieg nach einer schweren Dürre 1986 durch gezielte Wiederaufforstung und Bodenbearbeitung der Grundwasserspiegel um mehrere Meter. Auch verbesserte sich die landwirtschaftliche Produktivität.

Auch in Städten bieten naturbasierte Lösungen neue Chancen. Die vielleicht bekanntesten Beispiele sind bewachsene Wände und Dachgärten. Besonderes Potenzial haben aber gerade Wasserrückhaltebecken zur Grundwasseranreicherung und der Schutz von Wassereinzugsgebieten für eine effiziente Wasserversorgung. Die Stadt New York etwa schützt seit den späten 1990er Jahren ihre drei größten Wassereinzugsgebiete, ähnlich wie es die Stadtwerke München im Mangfall- und Loisachtal tun. New York spart so jährlich mehr als 300 Millionen US-Dollar bei der Wasseraufbereitung. Auch China setzt auf naturbasierte Lösungen: Bis 2020 sollen 16 Städte ihre Böden und Feuchtgebiete so bewirtschaften, dass sie 70 Prozent des Regens speichern und somit die Wasserversorgung der Städte unterstützen.

FEUCHTGEBIETE ALS SCHLÜSSEL FÜR WASSERQUALITÄT

Nur 2,6 Prozent des Planeten sind Feuchtgebiete, doch für den Wasserkreislauf spielen sie eine überragende Rolle. Sie filtern zum Beispiel Giftstoffe und verbessern damit die Wasserqualität. Laut dem Weltwasserbericht können Feuchtgebiete 20 bis 60 Prozent der in Wasser gelösten Metalle und 80 bis 90 Prozent der Sinkstoffe filtern und binden. Einzelne Länder, wie etwa die Ukraine, haben deshalb bereits neue künstliche Feuchtgebiete für die Vorbehandlung von Industrieabwasser geschaffen. Die Leistungsfähigkeit von Feuchtgebieten ist jedoch begrenzt. Sie müssen sehr gezielt genutzt werden, um eine dauerhafte Schädigung der Gebiete zu vermeiden.

Naturbasierte Lösungen mindern auch die Folgen von Naturkatastrophen wie etwa Überschwemmungen. Aktuell sind 1,2 Milliarden Menschen von Überschwemmungen bedroht. Prognosen zufolge werden es 2050 rund 1,6 Milliarden sein. Auch hier sind unter anderem Feuchtgebiete sinnvoll, um als natürliche Barrieren zu wirken, Regenwasser zu speichern und die Bodenerosion zu mindern. Einige Länder nutzen Feuchtgebiete bereits gezielt für den Katastrophenschutz. Die Trockenlegung von Feuchtgebieten im Mississippi-Delta hatte beispielsweise die Zerstörungskraft von Hurrikan Katrina 2005 erhöht. Im Anschluss an die Naturkatastrophe haben die Verantwortlichen deshalb eine neue Behörde für Küstenschutz und Feuchtgebietssanierung eingerichtet. Auch Chile hat nach einem Tsunami 2010 das Augenmerk auf Küstenfeuchtgebiete zum Katastrophenschutz gerichtet.

Die zunehmende Schädigung von Ökosystemen zählt zu den wichtigsten Ursachen für zunehmende Probleme bei der Wasserbewirtschaftung. Etwa 30 Prozent der weltweiten Landfläche sind bewaldet. Doch mindestens zwei Drittel dieser Wälder sind mittlerweile in einem degradierten Zustand. Auch ein Großteil der Böden weltweit, besonders landwirtschaftlich genutzte, ist in schlechtem Zustand. Seit 1900 sind 64 bis 71 Prozent der natürlichen Feuchtgebiete weltweit durch das Wirken des Menschen verloren gegangen. Folgen der Schädigung von Ökosystemen sind höhere Verdunstungsraten, geringere Bodenwasserspeicherung und vermehrter Oberflächenabfluss bei gleichzeitig zunehmender Erosion. Die Autoren des Weltwasserberichts warnen vor weiteren Schädigungen von Ökosystemen.

Naturbasierte Lösungen werden heutzutage deutlich zu wenig eingesetzt. Um der wachsenden Nachfrage nach Wasser gerecht zu werden, fordern die Autoren des Weltwasserberichts jetzt, "grüne Infrastruktur" viel stärker zu nutzen, in Ergänzung zu konventionellen, gebauten Infrastrukturelementen der Wasserbewirtschaftung. Notwendig sind dafür laut den Autoren eine Neuausrichtung der Finanzierung, die Schaffung eines günstigen regulatorischen und rechtlichen Umfelds, sektorübergreifende Zusammenarbeit sowie mehr Forschung zu naturbasierten Lösungen.

Der Weltwasserbericht der Vereinten Nationen wird jährlich für UN-Water durch die UNESCO und deren World Water Assessment Programme (WWAP) erstellt. Dazu arbeiten 31 UN-Organisationen mit der UNESCO zusammen. Von 2003 bis 2012 erschien der Bericht alle drei Jahre. Seit 2014 wird er jährlich mit einem Themenschwerpunkt herausgegeben. Am 22. März ist Weltwassertag.

Quelle: www.unesco.de 


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