GuineaKonakry (epo). - In Guinea ist die weibliche Beschneidung seit 1965 offiziell verboten und wird mit der Todesstrafe bedroht. Eine radikale Gesetzgebung - weitgehend unbekannt und wirkungslos: Nach offiziellen Studien von 1999 sind 98,6% aller guineischen Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Seit 1998 versucht die Regierung, insbesondere das Frauenministerium, in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen und mit internationaler Hilfe den tiefverwurzelten Traditionen und sozialen Verankerungen dieses Phänomens und seiner schädlichen Auswirkungen zu begegnen. Mit den Aufklärungskampagnen und dem zunehmenden Engagement vor allem der Frauen Guineas beginnen Veränderungen in den Haltungen und Meinungen - ein Prozess, der allerdings keine schnellen Erfolge verspricht.

Es ist fast zwölf Uhr mittags in Lab?, Hauptstadt der Region Fouta Djalon, im Nordwesten Guineas gelegen: eine mittelgroße Stadt, nur die Hauptstraße ist geteert, überwiegend Häuser aus Beton und Wellblech, nur vereinzelt moderne Gebäude, wie das städtische Krankenhaus, die Präfektur oder das Haus eines reichen Händlers. Die Stadt ist eine islamische Hochburg des Landes.

Die Hitze ist schon unerträglich, aber im Schatten eines großen Baums, vor dem Ausbildungszentrum für Mädchen und Frauen, etwas außerhalb der Stadt, sind ein Dutzend junge Mädchen mit ihren Ausbilderinnen versammelt. Sie warten auf die Ankunft einer Delegation des Frauenministeriums aus der Hauptstadt, um über das Thema weibliche Beschneidung zu sprechen.

Die Frauenbeauftragte der Region, selbst diplomierte Hebamme und ehemalige Beschneiderin, eröffnet die Versammlung. Da zu viele Ausbilderinnen, d.h. ältere Frauen zugegen sind, wollen die Mädchen aus Respekt vor den "Alten" nicht so recht das Wort ergreifen. Sie verstecken sich hinter ihren foulas (Schals) und reden mit sehr leiser Stimme, so dass die Delegation schließlich die Ausbilderinnen bittet, das Gespräch mit den Mädchen alleine führen zu dürfen.

Die Berichte der Mädchen, die Schilderungen der Erlebnisse, lösen Betroffenheit aus: Schülerinnen werden in den großen Schulferien, von Juli bis September, beschnitten. Für den größten Teil der Mädchen, die keine Schule besuchen können, geschieht dies am Ende der Regenzeit (Oktober bis Dezember), nach der Ernte. Im Fouta Djalon werden die Mädchen zwischen acht und 15 Jahren entweder individuell oder gemeinsam diesem Ritual unterzogen. Die "Operation" wird auf einem Stein mit primitiven Schneideinstrumenten vollzogen. Die Beschneidung beginnt bei der Ältesten der Gruppe und wird von den baraddjeli (Bewahrerinnen der Traditionen), den früheren Sklaven der Peulhs oder den Frauen aus der Kaste der Schmiede durchgeführt.

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Der Eingriff wird am frühen Morgen vorgenommen. Die Mädchen sind mit einer pagne (Stoffbahn) bekleidet - um den Kopf eine weiße Banderole, die demonstrieren soll, daß die Mädchen "verletzt" sind. In den Händen halten sie ihre diral (schöne geschnitzte Stöcke), die sie von ihren künftigen Verlobten eigens zu dieser Zeremonie geschenkt bekommen haben.

Die jungen Mädchen werden von der sema (große Schwester) betreut, die sich nicht nur um die Wundheilung, sondern gemeinsam mit älteren Frauen vor allem um ihre "Erziehung" während dieser Zeit der Herausforderung und "Frauwerdung" (b?tagnol) kümmern. Diese Initiation besteht hauptsächlich im Erlernen von weiblichen Verhaltensweisen: gute Manieren, die Unterordnung gegenüber dem Mann und die wichtigsten Haushaltsarbeiten werden eingeübt.

Worauf es ankommt: Mut, Respekt und die Ehrfurcht gegenüber der Gemeinschaft zu beweisen. Verschiedene Prüfungen sind dabei zu bestehen. Die Nichterfüllung wird hart bestraft. Es werden aber auch kulturelle Werte vermittelt und die Anwendung von Heilkräutern erlernt. Während dieser Initiation ? die heute nur noch wenige Tage dauert - werden die Mädchen von verschiedenen Familienmitgliedern besucht, die Geschenke und gute Ratschläge mitbringen.

Der Tag der "Entlassung" (yhawtugol) wird feierlich begangen. Ganz früh am Morgen werden die Mädchen, begleitet von den semas an den nahegelegenen Wassertümpeln rituellen Waschungen unterzogen. Sie schmücken sich mit den neuen Kleidern und dem Schmuck, den sie zur Beschneidung geschenkt bekommen haben. Sie sind nun keine Mädchen mehr, ab jetzt werden sie als Frauen betrachtet.

Sozialer Druck und Verstümmelung

Im Fouta Djalon werden zwei Formen der weiblichen Genitalverstümmelung vorgenommen. Die Klitoridektomie: Entfernung der Klitoris und eines Teils der kleinen Schamlippen und die Infibulation: Die Klitoris, die kleinen und grossen Schamlippen werden entfernt und bis auf eine kleine vaginale Öffnung wird das Mädchen zugenäht und erst in der Hochzeitsnacht wieder "geöffnet".

Als Erklärung für die Fortdauer und Legitimierung der Verstümmelungen dienen vor allem soziokulturelle Argumente. Durchgängig anzutreffen sind die Vorstellungen, dass die Gebote und Rituale der Initiation den Mädchen wichtige moralische Werte, wie Ehrgefühl, Würde, Sittsamkeit, sowie spezifisches Wissen über das wirtschaftliche und soziale Leben ihrer zukünftigen Haushalte und der Gemeinschaft vermitteln.


"Mousso dani Toröya lela", die Frau ist geschaffen worden, um zu leiden. Dieses Bild der guineischen Frau wird in Liedern vermittelt, die bei den Beschneidungsritualen gesungen werden. Die Weitergabe der überlieferten Traditionen scheint vor allem für die ältere Generation ein unumstößliches Gesetz darzustellen: ...??Wie kann denn etwas schlecht sein, was unsere Eltern, Großeltern und Vorfahren uns weitergegeben haben. Viele Frauen lassen ihre Tochter beschneiden, weil es eben alle tun?". Sozialer Druck wird in der Weise ausgeübt, dass nicht beschnittene Mädchen öffentlich von ihren Altersgenossinnen beschimpft werden. Sie gelten als billagorö, unseriöse Mädchen, die keinem Mann versprochen werden können. Bis in das Erwachsenenalter verfolgt dieses Stigma die Frauen, so dass sie in letzter Konsequenz ihre Gemeinschaft verlassen müssen.

Die Unwissenheit über die gesundheitlichen Folgen und die irrige Vorstellung, dass die weibliche Beschneidung im Koran vorgeschrieben wird, werden oft als weitere Gründe genannt.

Die Verstümmelung der Genitalien hat auch eine mythische Seite und ist mit Angst und Ehrfurcht besetzt. Die Beschneiderinnen gehören in einigen Regionen Guineas Geheimbünden an und sind in Kräfte und Geheimnisse eingeweiht, die den Nicht-Initiierten Angst einflößen. Nicht ohne Risiko für Kritikerinnen, bzw. Gegnerinnen der weiblichen Beschneidung: es gab bereits Fälle von Vergiftungen bei denen, die den Pakt des Schweigens gebrochen hatten. Außerdem stellt der Eingriff eine wesentliche Einnahmequelle für die Beschneiderinnen dar.

Die Reduzierung der sexuellen Empfindsamkeit bzw. die Kontrolle der weiblichen Sexualität wird von nicht wenigen Männern als notwendige Grundlage der Polygamie beschrieben: Wie können gleichzeitig zwei bis vier Frauen im Haushalt "gehalten" werden, ohne dass sie sich nach anderen Männern umtun? Andererseits sind die in Guinea lebenden Senegalesinnen aus der Ethnie der Wolof (die nicht beschneiden) für die Männer aufgrund ihres anderen Sexualverhaltens durchaus attraktiv.

Die Messer niederlegen

Die Entscheidung für oder gegen Beschneidung ist häufig eine Sache der älteren Frauen. Vor allem in städtischen Lebenssituationen halten immer mehr junge Frauen dem sozialen Druck stand und riskieren den Konflikt mit ihren Familien. Das Aufbegehren gegen Beschneidung gewinnt an Intensität und Ausstrahlungskraft.

Frauen artikulieren und organisieren sich. In Guinea gibt es mindestens acht Nichtregierungsorganisationen, die sich direkt im Kampf gegen die Beschneidung engagieren. Hinzu kommen Aktivitäten in zahlreichen Gruppierungen, die allgemein im Bereich der Frauen- und Jugendförderung tätig sind. Weibliche Beschneidung ist kein Tabuthema mehr. Im Frühjahr diesen Jahres kamen in einer vom Frauenministerium und Nichtregierungsorganisationen initiierten großen Zeremonie die Beschneiderinnen der Region Kouroussa zusammen, die im Beisein der Medien, der Frauenministerin und lokaler Würdenträger feierlich versprachen, die Messer niederzulegen.

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Gruppen, wie die association de jeunes musulmans und association des femmes musulmanes, Zusammenschlüsse islamischer Frauen, engagieren sich gegen die Beschneidung von Frauen und haben mit Maßnahmen der Sensibilisierung begonnen, die auch im Kampf gegen AIDS erfolgversprechend sind. Auf diese Weise und durch die Lobbyarbeit von Politikerinnen, Journalistinnen, Ärztinnen u.a., vergrößern Frauen ihre Einflussmöglichkeiten auf die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung.

Theater, Tanz- und Musikveranstaltungen (vor allem die bei Jugendlichen beliebte Rapmusik) und die Gestaltung von Sendungen für den ländlichen Rundfunk haben sich zu wichtigen Instrumenten der Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit entwickelt. Hier gibt es kreative Potentiale und die Gelegenheit für Mädchen und Frauen, ihre Ideen einzubringen und sich Gehör zu verschaffen. In den noch überwiegend traditionellen Gesellschaften Guineas gehören diese Ausdrucksformen zu den wenigen Kommunikationsmitteln, um heikle und kontroverse Fragen wie Beschneidung, Drogen oder ähnliches zu thematisieren.

Die Förderung von Frauen durch Bildungsangebote, rechts- und sozialpolitische Beratung oder wirtschaftliche Unabhängigkeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Beschneidung. Das Wissen über die eigenen Rechte und ökonomische Unabhängigkeit vom Ehemann bzw. von der Familie versetzt die Frauen in die Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Dies erleichtert die kritische Auseinandersetzung mit und die Ablehnung von traditionellen Praktiken, die sie selbst als schädlich erkannt haben.

Fallbeispiele:

Fatoumata, 15 Jahre: Ich war zehn Jahre alt, als ich beschnitten wurde. Ich bin in einem Dorf, nicht weit von Lab? entfernt, geboren. Es ist ein sehr tradtionsreiches Dorf, der Dorfchef hat vier Frauen. Durch die Arbeitssituation meiner Eltern lebten wir seit meinem vierten Lebensjahr in Conakry. In den Ferien sind wir immer in unser Dorf gefahren. Meine Freundinnen haben mir von dem Fest der Beschneidung erzählt, sie sagten, daß ich unbedingt hier beschnitten werden müsste um gemeinsam mit ihnen zu feiern, damit sie weiter mit mir spielen könnten und ich Geschenke bekäme? Meine Eltern wollten nicht, daß ich beschnitten werde. Es gab viel Streit mit meiner Großmutter. Eine Zeitlang sind wir nicht mehr ins Dorf gefahren. Eines Tages holte mich meine Großmutter in Conakry ab und fuhr mit mir aufs Dorf. Am nächsten Morgen wurden mit mir acht Mädchen diesem "Ritual" unterzogen. Meine Mutter kam am späten Nachmittag ins Dorf, aber da war schon alles vorbei. Es tat zwar sehr weh, aber all die Geschenke und den Respekt, den wir an diesem Tag erlebt haben, möchte ich nicht missen? Jetzt kann ich einen Mann finden, der mich heiraten möchte.

Miriam, 18 Jahre: Ich war 12 Jahre alt. Eines Morgens weckte mich meine Großmutter, um mir zu sagen, dass meine Mutter unbedingt meine Hilfe benötigte. Ich folgte ihr schlaftrunken, nahe unseres Flusses machte sie halt und plötzlich sah ich meine ältere Schwester, andere Mädchen und ein paar alte Frauen, die tanzten und laute Schreie ausstießen. Auch ich fing an zu schreien und zu weinen. Ich hatte immer Angst vor diesem Augenblick, vor dem meine Mutter mich schon lange gewarnt hatte. Meine Großmutter nahm mich und band mir, mit Hilfe einer anderen alten Frau die Beine zusammen, verband auch meine Augen und schrie mich an, dass ich meiner Mutter Schande bereiten würde, wenn ich mich gegen die Regeln auflehnen würde. Nachdem ich bewegungsunfähig und nach vielem Schreien erschöpft auf dem Boden lag und bereits das Wimmern der anderen Mädchen hörte und das immer lauter werdende Singen der Frauen, wusste ich, dass ich nichts mehr gegen diesen schrecklichen Akt tun konnte. Meine Großmutter hatte mich und meine Schwester gegen den Willen unserer Eltern gekidnappt und beschneiden lassen, weil die Tradition es so verlangt. Mein ganzes Leben werde ich dieses schreckliche Erlebnis nicht vergessen. Ich hatte sehr viele Komplikationen nach diesem Eingriff, ich wäre fast verblutet. Ich finde, dass diese Tradition verboten und die Ausübung hart bestraft werden müsste.

Valerie Broch-Alvarez

Valerie Broch-Alvarez ist Dipl. Pädagogin und Entwicklungssoziologin und war von 1994 bis 1997 DED-Koordinatorin des Europäischen Freiwilligenprogramms in Guinea.

Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Dr. Inge Baumgarten, Emanuela Finke und Gisela Rosenberger, Mitarbeiterinnen des GTZ Projektes "Förderung von Initiativen zur Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung". Er erschien ursprünglich im DED-Brief 4/2000 und wurde epo freundlicherweise zur Publikation zur Verfügung gestellt.

Das Projekt "Förderung von Initiativen zur Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung"

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die GTZ im Mai 1999 mit der Durchführung des überregionalen Sektorvorhabens "Förderung von Initiativen zur Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung" beauftragt.

Langfristig soll mit dem Projekt erreicht werden, die Öffentlichkeit in den Partnerländern durch die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen umfassend über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung zu informieren. Ziel ist es, dass die Bevölkerung in diesen Ländern offen dafür wird, die schädigenden Praktiken entweder ersatzlos aufzugeben oder durch ein kulturell gleichwertiges Ritual zu ersetzen.

Um dies zu erreichen, werden

    * lokale Organisationen bei der Erforschung des sozio-kulturellen Umfelds und der Motive für weibliche Genitalverstümmelung (FGM) unterstützt,
    * Erfahrungen und Ansätze zur Bekämpfung von FGM ausgewertet, kulturspezifisch weiterentwickelt und den Partnern zur Verfügung gestellt,
    * Initiativen zur Überwindung von FGM gefördert (z.B. bei Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen, bei der Entwicklung didaktischen Materials und alternativer Rituale),
    * Austausch in regionalen und internationalen Netzwerken sowie die Abstimmung und Zusammenarbeit nationaler und internationaler Organisationen unterstützt und
    * Projekte und Experten beraten, wie sie die FGM-Thematik in ihre Aktivitäten einbeziehen können.

Zielgruppen sind Mädchen und Frauen, die Opfer von FGM sind oder werden können. Sie gilt es zu erreichen zum einen über Eltern, junge Männer, Frauengruppen, religiöse und administrative Autoritäten, Lehrer, Familienverbände etc., zum anderen über Personen, die den Eingriff vornehmen, wie Beschneiderinnen, traditionelle Hebammen, sowie z.T. Gesundheitspersonal.

Das Projekt unterstützt innovative Maßnahmen zur Überwindung von FGM in mehreren Ländern West- und Ostafrikas. Dabei ist es wichtig, verschiedene Aspekte einzubeziehen: gesundheitliche, rechtliche, frauenpolitische, usw. und mit unterschiedlichen Partnern zusammenzuarbeiten: staatlichen Verwaltungen für Gesundheit, Frauen und Bildung, nichtstaatlichen Organisationen sowie überregionalen Netzwerk-Organisationen, die an der Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung arbeiten.

? Weitere Informationen erhalten Sie bei der GTZ, Postfach 5180, 65726 Eschborn oder über www.gtz.de/FGM


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