ListrosBerlin (epo.de). - Was ist das größte Problem für Kinder und Jugendliche in Äthiopien, die als Schuhputzer, Obstverkäufer, Viehhirte oder Losverkäufer Geld für Essen, Kleidung oder Schulbesuch verdienen? Eine Mehrheit von 6.000 befragten Kindern antwortete: mangelnder Respekt! Dass sie um die paar Groschen, die sie einnehmen, auch noch feilschen müssen! Ein Berliner Verein ist vor einigen Jahren angetreten, den "Listros" genannten jungen Kleinstunternehmern die nötige Anerkennung zu verschaffen und ihnen Mut zu machen. Künstler und Architekten haben das Thema aufgegriffen. Dabei entstand eine einzigartige Ausstellung, die vom 26. April bis 23. Mai in Berlin zu sehen ist.

"Ich selbst war auch mit 11, 12 Jahren ein Schuhputzer", sagt Dawit Shanko. Er hat seine Schulausbildung damit finanziert. Der in Berlin lebende Architekt war von den Negativ-Nachrichten genervt, die hierzulande über Afrika verbreitet werden: keine Infrastruktur, kein Wasser, keine Bildung. "Es gibt aber auch ein großes Potenzial, das sind die Menschen, das ist die Jugend und deren Hoffnung." 2003 initiierte er den gemeinnützigen Verein LISTROS. "Wir möchten diesen Menschen gerne Mut machen", sagt Shanko.

Dawit Shanko. Foto: Klaus Boldt/epo.de

Der Verein ("Listro" bedeutet im Amharischen "Schuhputzer") will das Vertrauen in die Eigeninitiative stärken und sieht im schöpferischen Potential von Menschen den Schlüssel zur Entwicklung. Arbeitende Kinder und Jugendliche werden nicht als "Kinderarbeiter" gebrandmarkt, sondern als kreative Zukunft einer produktiven Gesellschaft betrachtet. Und künstlerisches Schaffen, so die Überzeugung Shankos, ist ein Motor für Transformationsprozesse.

ARCHITEKTEN IM DIENST VON SCHUHPUTZERN

Neben dem Mangel an Respekt beschäftigte die in Äthiopien befragten 6.000 "Listros" vor allem ein naheliegendes Problem: Wie schütze ich mich vor Sonne und Regen? In einem Wettbewerb entwickelten namhafte deutsche Architekten Ideen und Entwürfe für flexible und funktionelle Pavillons in äthiopischen Städten. 2005 wählte die Stadtverwaltung von Addis Abeba einen Entwurf der Berliner Architekten Schmidt & Kraft aus. Heute stehen 130 Schuhputzer-Unterstände in den Straßen der äthiopischen Hauptstadt. In den nächsten 15 Jahren sollen in dem ostafrikanischen Land bis zu 1.000 Pavillons gebaut werden.

"Es entstanden Räume fürs Leben und Arbeiten der Listros. Sie sind darin nicht mehr zu übersehen", berichtet der Verein. "Die Pavillons werten das Wirken und das Engagement der Listros auf und machen es sichtbar. Neben dem praktischen Nutzen werden das Selbstwertgefühl und das Verantwortungsbewusstsein der Jugendlichen gestärkt."

KUNST ALS MOTOR

Ein Schuhputzer, von einem Listro fotografiertDawit Shanko hat die Lebenskünstler in Äthiopien mit Künstlern in Europa in Verbindung gebracht. "Die Kunst baut Brücken zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsebenen und Kontinenten, indem sie eine universelle Sprache spricht", lautet die Botschaft von LISTROS.

2001 stellte der Berliner Verein 20 Schuhputzern aus Debre-Zeit, einer Kleinstadt südlich von Addis, Fotoapparate und Filme zur Verfügung. Die so entstandenen Fotos, die den Arbeitsalltag der Listros dokumentieren, inspirierten 70 bildende Künstler und Architekten zu eigenen Arbeiten, die sie dem Verein unentgeltlich zur Verfügung stellten - eine wichtige Finanzierungsquelle des Vereins. 2003 entstand daraus die Ausstellung "A Dream in a Box", die seither von mehr als 100.000 Menschen in Berlin, Hamburg und Leipzig besucht wurde. Seit 2004 ist sie als Dauerausstellung in der Listros-Galerie in der Kurfürstenstraße 33 in Berlin zu sehen.

Die neue Ausstellung "OUANSA - Für mich die Liebe, Respekt für meine Arbeit" entstand im Frühjahr 2008, als sechs deutsche Künstler auf eigene Kosten für fünf Wochen nach Äthiopien reisten und sich mit 14 äthiopischen Künstlern und den "Listros" in Workshops austauschten. Eigene Pinsel, Farben oder Staffeleien durften sie nicht mitnehmen - sie sollten die afrikanischen Werkstoffe und Materialien wertschätzen - "von Blattgold bis Wellblech", so Dawit Shanko.

Peter Hermann - Listros (2003) (c) LISTROS e.V.

Die so entstandenen 101 Bilder und Skulpturen zum Thema "Arbeitende Jugend, Chancen und Stadträume" - die Ergebnisse eines "Austausches in Form, Material und Inhalt". In Addis Abeba wurde die Ausstellung seit März 2008 in den Räumen des Kooperationspartners, der Universität der Künste und Design, gezeigt. Mit Unterstützung u.a. des deutschen Auswärtigen Amtes und der Stiftung Umverteilen ist sie jetzt in Berlin auf rund 420 Quadratmetern Fläche zu sehen. 

WIR KÖNNEN ALLE LISTROS WERDEN

Die Ausstellung wird am Sonntag, 26. April, um 17 Uhr in der Kurfürstenstraße 33 in Berlin-Tiergarten eröffnet. Die künstlerische Leitung haben die deutsche Künstlerin Lupe Godoy und der Direktor der Universität für Kunst und Design Addis Abeba, Muzie Awol. Die Einführung in das Thema übernimmt der in Deutschland lebende Bestsellerautor Prinz Asfa-Wossen Asferate, ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Der äthiopische Botschafter Kassahun Ayele, die grüne Bundestagsabgeordneten Uschi Eid, die als Entwicklungsexpertin Ostafrika arbeitete, und Werner-Dieter Klucke vom Auswärtigen Amt nehmen an der Vernissage teil.

Listro-Sammlung (c) LISTROS e.V.

Motiv - (c) LISTROS e.V.Der Titel "Für mich die Liebe, Respekt für meine Arbeit" entstamme dem Mund eines Schuhputzers, der sich seit seinem siebten Lebensjahr ein eigenes Einkommen verdient, erzählt Dawit Shanko. Er bringt zum Ausdruck, was sich die meisten "Listros" erhoffen. "Wir alle können Listros werden - wagen wir es" hat Bundespräsident Horst Köhler ins Gästebuch des Vereins geschrieben.


OUANSA - Für mich die Liebe, Respekt für meine Arbeit

Ausstellung in der LISTROS-Galerie
Kurfürstenstraße 33, 10785 Berlin-Tiergarten
Vernissage: Sonntag, 26. April 2009, 17:00 Uhr
Dauer: 26. April - 23. Mai 2009
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag 10:00 bis 20:00 Uhr
Website: www.listros.de

Illustrationen (entstammen der ständigen Ausstellung):
Reinhard Stangl - Schlacht unterwegs (2004)
Peter Hermann - Listros (2003)
Sven Hoffmann - Geliehener Blick (2004)
Listro-Sammlung (Schuhputzer-Kästen)
© Listros e.V.



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