Christian KreutzBerlin (epo.de). - In Afrika entwickelt sich mit Hilfe von Mobiltelefonen zunehmend eine Gegenöffentlichkeit, die es den Menschen erlaubt, von passiven Informationsempfängern zu aktiven Nutzern zu werden. “In Afrika passiert viel mehr als hier, und es ist viel spannender”, berichtete der Medienberater für Bürgermedienprojekte in Afrika und Asien, Christian Kreutz, auf einer Tagung des Forums Medien und Entwicklung (FoME) am Freitag in Berlin. Im FoME arbeiten Institutionen wie die Deutsche Welle, die politischen Stiftungen, Consultings und Medienexperten zusammen, die Medien in Entwicklungsländern mit Know-how und Förderprojekten zu mehr Qualität und Professionalität im Journalismus verhelfen wollen.  

"Wissensaktivist" Kreutz, der fünf Jahre für die GTZ in Ägypten arbeitete, verwies darauf, Afrika habe die höchsten Zuwachsraten bei der Nutzung von Mobiltelefonen. 99 Prozent der Tansanier seien mittlerweile "in Reichweite eines Mobiltelefons", und die mobil zugänglichen Internetseiten des britschen Senders BBC würden am häufigsten von Afrika aus aufgerufen. In Nigeria haben in diesem Jahr nach Angaben von Kreutz erstmals mehr Menschen ein Mobiltelefon als einen Fernseher.

Als Beispiel für "mobilen politischen Aktivismus" in Ägypten nannte Kreutz, der auf crisscrossed.net und draussen-blog.net bloggt, einen Streik in einer Baumwollfabrik im Nildelta, über den weder lokale noch internationale Medien berichtet hatten. Eine Aktivistin gründete deshalb eine Gruppe in dem sozialen Netzwerk "Facebook", über die sich innerhalb von einigen Wochen 70.000 Mitglieder vernetzten.

In Ägypten und anderen afrikanischen Ländern wird die Kurznachrichten-Plattform Twitter dazu benutzt, um Freunde und politische Mitstreiter auf dem laufenden zu halten: "Bin gerade festgenommen worden", "bin jetzt auf dem Weg zum Gefängnis", können solche Botschaften lauten. Auch in Moldawien formierte sich eine regierungskritische Gegenöffentlichkeit kürzlich über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter.

Da selbst das Versenden von Kurznachrichten für eine afrikanischen Durchschnittsverdiener häufig zu teuer ist, hat sich eine “Kultur des Klingelnlassens” entwickelt. Eine vorher vereinbarte Zahl von Klingelzeichen signalisiert dabei eine bestimmte Botschaft.

Die Gefahren des mobilen politischen Aktivismus sind freilich ebenso offensichtlich. Mobiltelefone können von den Netzbetreibern leicht geortet werden. Die digitale Kommunikation ist relativ einfach zu überwachen. So habe der Netzbetreiber Vodafone, dessen Unternehmen  in Ägypten zu 50 Prozent im Besitz des Staates ist, die Nutzerprotokolle komplett an die Regierung weitergegeben, berichtete Kreutz.

Gleichwohl sieht der Medienberater ein “gewaltiges Mobilisierungspotenzial für NGOs” im Mobiltelefon-Aktivismus in Afrika. Bei den "Voices of Africa" stellen Aktivisten "mobile Berichte" ein, etwa ein mit dem Mobiltelefon gefilmtes Video über Umweltsünden einer Brauerei in Kamerun, die mit ihren Abwässern das Trinkwasser in der Umgebung verschmutzt. Das Mobiltelefon wird dabei auch als Interview-Werkzeug genutzt, das den Betroffenen eine Stimme gibt. Die NGO AZUR Development in der Demokratischen Republik Kongo nutzt moderne Infomations- und Kommunikationstechnologien, um die häusliche Gewalt zu bekämpfen.

MEDIEN UND ENTWICKLUNG

Das FoME wird vom Catholic Media Council (CAMECO), einer seit 40 Jahren im Bereich Medien und Entwicklung tätigen nichtstaatlichen Organisation mit Sitz in Aachen, koordiniert. Andrea Sofie Jannusch von CAMECO stellte auf dem Berliner Treffen ein Wiki vor, das der Evaluierung von Medien-Entwicklungsprojekten dient und in Kürze online gehen soll. Den Jour fixe hatte in diesem Jahr die Berliner gemeinnützige GmbH Media in Cooperation and Transition (MICT) ausgerichtet.

MICT führt mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unter anderem Medienprojekte im Irak und im Sudan durch. MICT-Mitgründerin Anja Wollenberg, die seit 2004 mit irakischen Partnern an Publikationen zu Politik und Kultur arbeitet, berichtete von einem Konsortium von acht Zeitungen und sechs Radiostationen im Sudan, die für die nächsten Wahlen eine pluralistische, ethnien-übergreifende Berichterstattung aufbauen wollen.

Helmut Osang, Leiter der Asien-Abteilung der Deutschen Welle Akademie, stellte ein Projekt vor, das in einer Provinz der zentralistisch gelenkten Volksrepublik Laos ein "Radio von unten" etablieren will, das die Menschen selbst zu Wort kommen lässt. Die kommunistische Staatsführung sei zu der Einsicht gelangt, dass sie mit ihren "Protokoll-News" von Staatsbesuchen und Funktionärs-Personalia aus dem Parteigeschehen die Bevölkerung nicht mehr erreicht.

Mailingliste des FoME: http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/fome

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