Weltentwicklungsbericht 2006Washington (epo). - Die Weltbank versucht sich in ihrem Weltentwicklungsbericht 2006 unter dem Titel "Equity and Development" am Spagat zwischen Gerechtigkeit und Wirtschaftswachstum. Gerechtigkeit, von der Finanzinstitution primär definiert als Chancengleichheit unter den Menschen, sollte überall in der Entwicklungswelt integraler Bestandteil einer erfolgreichen Strategie zum Abbau der Armut sein, heißt es in dem Bericht. Dieser zeigt gleichwohl auf, dass die Kluft innerhalb und zwischen den Nationen weiter wächst und den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung in die extreme Armut treibt.

Die Ungleichheit hinsichtlich des Wohlstandes und einer gerechten Verteilung der Chancen führe oft für einen großen Prozentsatz der Bevölkerung zu extremer Entbehrung, vergeude menschliches Potential und verlangsame in vielen Fällen das Tempo eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums, betont die Weltbank in ihrem Weltentwicklungsbericht 2006. "Gerechtigkeit ist komplementär zum Streben nach langfristigem Wohlstand", sagte Fran?ois Bourguignon, Chefökonom und Senior Vice President für Entwicklungsökonomie der Weltbank, der das Autorenteam für den Bericht leitete. "Mehr Gerechtigkeit ist doppelt gut für den Abbau von Armut. Sie tendiert dazu, eine nachhaltige Allgemeinentwicklung zu begünstigen und bringt den ärmsten Gruppen einer Gesellschaft bessere Chancen".

Der unter dem Titel "Equity and Development" von einem achtköpfigen Team unter Federführung der Wirtschaftswissenschaftler Francisco Ferreira und Michael Walton erstellte Bericht argumentiert für Gerechtigkeit nicht nur als Selbstzweck, sondern "weil sie oft zu größeren und produktiveren Investitionen anregt, was zu schnellerem Wachstum führt".

Das Autorenteam setzt dabei offensichtlich stillschweigend voraus, dass im Konkurrenzkampf um gewinnträchtige Investitionen und Absatzmärkte errungene Vorteile, die sich in Wirtschaftswachstum (und Arbeitsplatzabbau bzw. -verlagerung) niederschlagen, mit dem Gerechtigkeitsprinzip vereinbar sind. Die Interessen der Profiteure der Globalisierung werden nach diesem Denkmodell den Interessen der Allgemeinheit gleichgesetzt.

Eine Politik, die die Gerechtigkeit unterstütze, könne die Kluften zwischen und innerhalb der Nationen überbrücken, behaupten die Autoren des Berichts. Das Ziel sei aber nicht Einkommensgleichheit, "sondern vielmehr, den Zugang der Armen zu medizinischer Versorgung, Bildung, Arbeitsplätzen, Kapital und gesicherten Landrechten zu erweitern". Äußerst wichtig sei, dass Gerechtigkeit größere Gleichberechtigung beim Zugang zu politischen Freiheiten und politischer Macht erfordere. Sie bedeute auch, Stereotypierung und Diskriminierung zu durchbrechen und den Zugang zu Justizsystemen und zur Infrastruktur zu verbessern.

"Öffentliche Handlungen sollten sich darauf ausrichten, die Chancen derjenigen zu erweitern, die die geringste Stimme und die geringsten Ressourcen und Fähigkeiten haben", sagte Weltbankpräsident Paul Wolfowitz in seinem Vorwort zu dem Bericht. "Sie sollten dies auf eine Art und Weise tun, die bei der Zuteilung von Ressourcen sowohl individuelle Freiheiten als auch die Rolle der Märkte respektiert und verbessert."

Für die Stärkung der Gerechtigkeit in Entwicklungsländern fordert der Bericht insbesondere eine Politik, mit der anhaltende Chancenungleichheiten "durch Einebnen der wirtschaftlichen und politischen Spielfelder" korrigiert werden. Viele Vorgehensweisen einer solchen Politik könnten auch die wirtschaftliche Effizienz verbessern und Marktversagen beheben. Zu einer solchen Politik gehören laut Weltbank:

  • die Investition in Menschen, indem der Zugang zu qualitativ hochwertigen Leistungen in medizinischer Versorgung und Bildung erweitert wird, und gefährdeten Gruppen Sicherheitsnetze geboten werden;
  • die Erweiterung des Zugangs zu Justiz, Land und wirtschaftlicher Infrastruktur, wie Straßen, Strom, Wasser, Kanalisation, Abfallbeseitigung und Telekommunikation;
  • die Förderung von Fairness auf den Finanz-, Arbeits- und Produktmärkten, damit arme Menschen leichteren Zugang zu Krediten und Arbeitsplätzen haben und auf keinem Markt gegen sie diskriminiert wird.

Zu Beispielen für Veränderungen im Sinne einer Pro-Gerechtigkeits-Politik gehöre die Landreform, so der Weltentwicklungsbericht 2006. Im indischen Bundesstaat Westbengalen sei durch eine Landpachtreform die Sicherheit der Teilpächter erhöht worden, ihre Pacht zu behalten; gleichzeitig sei ihnen auch mindestens 75 Prozent der erzielten Produktion garantiert worden. Die Produktivität bei der Landbearbeitung sei als Resultat um 62 Prozent gestiegen.

Den Armen erweiterten Zugang zu Krediten und Versicherungen zu bieten, habe sich als weiterer wirksamer Weg erwiesen, die Chancen zu ebnen und den Wohlstand zu erhöhen. Studien in Indien, Kenia, Simbabwe und anderen Entwicklungsländern zeigten, dass die Armen wesentlich höhere Zinssätze zahlen müssten als die Reichen. "Wir würden daher davon ausgehen, dass die Armen unterinvestieren, auf jeden Fall auf die Reichen bezogen, aber auch darauf bezogen, was passieren würde, wenn Märkte richtig funktionierten", folgert der Bericht.

Neben der Forderung nach inländischen Reformen fordert der Bericht auch die Nationen auf, in der globalen Arena eine größere Gerechtigkeit zu fördern, vor allem auf den internationalen Arbeits-, Güter-, Ideen- und Kapitalmärkten. Um dies zu erreichen drängt er reiche Länder dazu, eine größere Zuwanderung von ungelernten Arbeitern aus Entwicklungsländern zuzulassen, die Liberalisierung des Handels unter der Doha-Runde der WHO voranzutreiben, es armen Ländern zu erlauben, Generika zu verwenden, und angemessene Finanzstandards für Entwicklungsländer zu entwickeln. Er wiederholt auch die Wichtigkeit von vermehrter und wirksamerer Entwicklungshilfe.

Eine Mischung dieser Vorgehensweisen unter Anwendung großer Aufmerksamkeit auf spezifische Umstände in den verschiedenen Ländern könne dazu beitragen, den Armen zu mehr Chancengleichheit zu verhelfen, ihren wirtschaftlichen Beitrag zu ihrer Gesellschaft zu erhöhen und dabei gleichzeitig ihre eigene Armut zu mindern.

Der Weltentwicklungsbericht zeigt zwar die negativen Konsequenzen extremer Ungleichheit auf, er unterscheidet dabei aber deutlich zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, sagen die Autoren, sei nicht dasselbe wie Gleichheit von Einkommen oder Gesundheitsstatus oder sonst irgendeinem bestimmten Ergebnis. Sie sei vielmehr "das Streben nach einer Situation, in welcher die Chancen gleich sind, d.h. eine Situation in der persönliche Anstrengungen, Vorlieben und Initiative - und nicht familiäre Abstammung, Kaste, Rasse oder Geschlecht - die Unterschiede zwischen den wirtschaftlichen Erfolgen der Menschen ausmachen.

DIE ELITE UNTERMINIERT DIE GERECHTIGKEIT

Die Autoren des Berichts behaupten, dass sich Gerechtigkeit und Wohlstand ergänzen und führen Beispiele an, in denen hochgradige wirtschaftliche und politische Ungleichheit zu wirtschaftlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Arrangements geführt habe, die systematisch die Interessen der Einflussreicheren begünstigten. Derartige Einrichtungen, so argumentiert der Bericht, unterminierten das Potential eines Landes für Wachstum und Minderung der Armut.

"Ungerechte Einrichtungen erlegen wirtschaftliche Kosten auf", sagte Francisco Ferreira, einer der Leitautoren des Berichtes. "Sie schützen meist die Interessen politisch einflussreicher und wohlhabender Leute, oft zum Schaden der Mehrheit. Dadurch wird die Gesellschaft als Ganzes ineffizienter. Wenn die mittleren und ärmeren Gruppen nicht in der Lage sind, ihre Talente auszunutzen, dann entgehen der Gesellschaft Chancen für Innovation und Investition."

Ein Beispiel für ungerechte Einrichtungen wird aus einer Studie über Farmerinnen in Ghana ersichtlich, die kein gesichertes Recht auf ihr Land haben. Da ihr Zugang zu diesem Land unsicher ist, bebauen die Frauen ihr Land in jeder Anbausaison und lassen es nicht während mancher Anbauzeiten brach liegen, wie sie es müssten, um dessen Fruchtbarkeit zu bewahren. Sie tun dies aus Angst, dass ihnen das Land von jemandem mit höherem Status, im allgemeinen Männern, unter dem Vorwand weggenommen wird, dass die Frauen das Land nicht nutzen. Die Folge davon sei, dass die Ergiebigkeit ihres Landes nachlasse, was zu einem Teufelskreis von niedrigerer Produktivität und zunehmend größerer Ungleichheit führe.

AUSBRUCH AUS DEN UNGLEICHHEITSFALLEN

"Ungleichheitsfallen" ergeben sich für die Autoren des Weltentwicklungsberichts, wenn "Ungleichheiten zwischen Individuen und Gruppen innerhalb von und über Generationen hinweg aufrecht erhalten werden". Diese Fallen zeichneten sich durch hohe Kindersterblichkeit und niedrige Schulabschlussraten, Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen aus, die sich über Generationen hinweg wiederholen. Chancen, ob groß oder klein, werden vom Vater an den Sohn, von der Mutter an die Tochter weitergereicht. Diese Stagnation reduziere den Anreiz zu individuellen Investitionen und Innovationen und schwäche den Entwicklungsprozess. Ineinandergreifende wirtschaftliche, politische und sozialkulturelle Mechanismen wie diskriminierende Haltungen und Praktiken in Bezug auf Rasse, Ethnizität, Geschlecht und Gesellschaftsklasse seien die Ursachen.

Um Gesellschaften dabei zu helfen, diesen Ungleichheitsfallen zu entfliehen, so betont der Bericht der Weltbank, sei es wichtig die "Vertretung" von armen und ausgeschlossenen Gruppen zu stärken. Durch ein Bestehen auf mehr Sicherungssystemen gegen den Missbrauch von wirtschaftlicher und politischer Macht durch die Eliten könnten die Armen und Ausgeschlossenen zur Unterstützung von Strategien für eine gerechte Veränderung Allianzen mit den Mittelklassen schaffen. Derartige Strategien würden dazu dienen, oligarchische Dominanz zu unterminieren und das Spielfeld in der politischen Arena zu ebnen, "ohne Zuflucht zu der Art von nicht aufrecht zu erhaltenden populistischen Vorgehensweisen zu suchen, die in der Vergangenheit gescheitert sind", mahnt der Bericht - offenbar als Seitenhieb auf sozialistische und linkspopulistische Wirtschaftsmodelle.

Die Empfehlungen in "Equity and Development" sollen die Schlussfolgerungen der Weltentwicklungsberichte der Bank von 2004 und 2005 ergänzen, deren Konzentration auf einem verbesserten Zugang der Armen zu Dienstleistungen und der Verbesserung des Investitionsklimas lag.

"Unsere Argumentation ist, dass ein Lösungsansatz für die Entwicklung, der tief von Gerechtigkeit durchdrungen ist, mit dem Rahmen der beiden letzten Weltentwicklungsberichte konsistent ist", sagte Michael Walton, einer der Leitautoren des Berichtes. "Gerechtigkeit ist wirklich ein fundamentaler Bestandteil des Gesamtpaketes, das nötig ist, um eine Stärkung und ein besseres Investitionsklima zu erzielen. Sie ist auch unentbehrlich für die Erreichung der Millenium-Entwicklungsziele."

? Weltentwicklungsbericht 2006 "Equity and Development"

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