afrika-rat 150Berlin. - Der Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde und das von 120 Organisationen unterstützte internationale NGO-Bündnis "Völkermord verjährt nicht!" haben am Mittwoch gegen "Deutschlands gezielten Ausschluss der von Kolonialismus, Rassismus, Apartheid und Genozid besonders betroffenen Menschen afrikanischer Herkunft von der heutigen Rückgabezeremonie für die entführten Gebeine ihrer Vorfahren protestiert. Die Initiativen waren nach eigenen Angaben nicht zur Übergabe der Gebeine in der Berliner Charité eingeladen worden. Die Berliner Universitätsklinik übergab 21 Gebeine an Vertreter der namibischen Regierung.

Die menschlichen Überreste stammen nach Angaben der Charité aus Namibia, das bis 1915 unter deutscher Kolonialherrschaft stand. Bei der Bekämpfung von Aufständen hatten deutsche Soldaten Tausende Herero und Nama getötet, deren Gebeine zum Teil zu "Forschungszwecken" nach Berlin transportiert worden waren. Die Charité hatte schon 2011 rund 20 Schädel zurückgegeben.

Wie die deutschsprachige "Allgemeine Zeitung" in Windhoek am Mittwoch berichtete, hatte die namibische Delegation unter Leitung von Kulturminister Jerry Ekandjo am Dienstag 14 Schädel von namibischen Ethnien an der Universität Freiburg in Empfang genommen. Die sterblichen Überreste in der Charité waren ausführlich dokumentiert worden. Man habe "ausreichende historische Dokumente finden und mit einer nicht-zerstörenden Untersuchung der Schädel und Skelette abgleichen" können, "so dass wir eine ausreichende Sicherheit haben, dass diese tatsächlich aus dem Gebiet des heutigen Namibia stammen", erklärte Andreas Winkelmann vom Institut für vegetative Anatomie der Charité auf AZ-Nachfrage. Die 35 Schädel waren vor rund 100 Jahren während der deutschen Kolonialzeit für anthropologische Untersuchungen ins Kaiserreich geschickt worden. Nach der Rückkehr der Delegation am Freitagmorgen ist eine Zeremonie im Garten des Tintenpalastes in Windhoek geplant.

"Zum Entsetzen der Nachfahren" seien keine Vertreter der vom Genozid (1904-08) in der ehemaligen Kolonie "Deutsch-Südwestafrika" am stärksten betroffenen Herero, Nama und San zu dem Ereignis am Mittwoch nach Berlin eingeladen worden. Sie hätten die sterblichen Überreste ihrer ermordeten und zu rassistischen Forschungen nach Deutschland verschleppten Ahnen deshalb nicht selbst entgegennehmen können, heißt es in einer Mitteilung der NGOs. Auch in Deutschland lebende Menschen afrikanischer Herkunft und Schwarze Menschen, die von der Botschaft der Republik Namibia als Vertreter bedeutender Nichtregierungsorganisationen zur Einladung vorgeschlagen worden seien, hätten an der "kurzfristig angesetzten Rückgabezeremonie in der Berliner Charité" nicht teilnehmen dürfen.

Der Zentralrat und das NGO-Bündnis forderten die Bundesrepublik auf, "sich ihrer historisch-politischen und moralisch-ethischen Verantwortung für den deutschen Kolonialrassismus nicht länger durch Methoden zu entziehen, die dessen Fortwirken bis in die Gegenwart bestätigen".

Der in Berlin lebende Herero Israel Kaunatjike, Vertreter des Bündnisses "Völkermord verjährt nicht!", erklärte: "Wenn ich als Herero vor der Tür stehen muss, während drinnen die Gebeine meiner ermordeten Vorfahren zurückgegeben werden, dann ist selbst unser Kampf gegen die Apartheid noch nicht beendet. Versöhnung kann es erst geben, wenn uns die Deutschen offiziell um Entschuldigung für den Völkermord gebeten und für das Land und das Vieh, das uns damals genommen wurde, entschädigt haben."

Kaunatjike lässt auch nicht gelten, dass die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) im August 2004 im Rahmen der Gedenkfeiern nach in Namibia als erstes deutsches Regierungsmitglied "im Sinne des gemeinsamen 'Vater unser' um Vergebung" gebeten und eine Versöhnungsinitiative angeregt hatte. Bei den deutsch-namibischen Regierungsverhandlungen im Jahr 2007 in Bonn war der Startschuss für die deutsch-namibische Versöhnungsinitiative gegeben worden. Der Leiter der namibischen Planungskommission, Helmut-K. Angula, und die damalige Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Karin Kortmann, unterzeichneten hierzu eine Vereinbarung.

Die Vereinbarung trägt den Titel "Memorandum of Understanding on the Special Namibian-German Initiative for Community-driven Development Projects in Specific Regions". "Die Bundesregierung unterstricht mit dieser Initiative "ihre besondere historische und moralische Verantwortung gegenüber Namibia". Die Initiative diene der Verbesserung der Lebensbedingungen in den Siedlungsgebieten derjenigen Volksgruppen (Herero, Nama, Damara und San), die unter der deutschen Kolonialherrschaft in besonderer Weise gelitten haben", erklärte Kortmann damals. Zusätzlich zur bilateralen Entwicklungszusammenarbeit wurden für die Versöhnungsinitiative für den Zeitraum von drei bis fünf Jahren insgesamt 20 Millionen Euro bereitgestellt. Die aus diesen Mitteln finanzierten Kleinprojekte verfolgten wirtschaftliche, soziale und kulturelle Ziele.

Die außenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Kerstin Müller, kritisierte damals, es habe viel zu lange gedauert, "bis sich die Bundesrepublik zur Verantwortung für den Völkermord deutscher Kolonialtruppen an den Herero, Nama und anderen Völkern Namibias bekannt hat. Erst die rot-grüne Bundesregierung hat 2004, vertreten durch Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, offiziell in Namibia um Vergebung gebeten."

Im Oktober 2006 hatte das namibische Parlament einstimmig Verhandlungen mit Deutschland über Entschädigungszahlungen gefordert. Der Bundestag debattierte darüber am 13. Juni 2007. Für die SPD kündigte der damalige außenpolitische Sprecher Gert Weisskirchen eine Reaktion des Deutschen Bundestags an. Die große Koalition habe dazu jedoch keine Initiative ergriffen, kritisierte Müller damals. "Zur viel beschworenen Partnerschaft mit Afrika gehört jedoch im Fall Namibia auch der partnerschaftliche Dialog über einen umfassenden Versöhnungsprozess. Wir schlagen deswegen einen offiziellen deutsch-namibischen Parlamentsdialog vor, der Empfehlungen für einen solchen Versöhnungsprozess ausarbeitet."

Für die klammheimliche Rückgabe von Gebeinen hatte sich im Frühjahr 2012 der damalige Afrikabeauftrage, Botschafter Walter Lindner, im Auswärtigen Amt bei der namibischen Seite entschuldigt und in Aussicht gestellt, dass künftige Übergaben von menschlichen Gebeinen in einem würdevolleren Rahmen stattfinden würden (The Namibian, 3. Februar 2012, "Official apology still lacking").

Die Bundesregierung erklärte in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Bundestag am 8. November 2013 (18. Wahlperiode, Bundestags-Drucksache 18/37), die menschlichen Überreste seien in privatem Eigentum und verwies auf die Umsetzung der "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen" des Deutschen Museumsbundes vom 24. April 2013. Eine rechtliche Möglichkeit, private Einrichtungen wie die Charité zur Provenienzforschung oder zur Herausgabe von menschlichen Überresten zu verpflichten, bestehe für die Bundesregierung nicht.

Nach Kenntnis der Bundesregierung habe die namibische Regierung noch keine konkreten Beschlüsse hinsichtlich weiterer Rückführungen menschlicher Gebeine getroffen, hieß es in der Antwort auf die Anfrage im Bundestag weiter. "Zwischen der Bundesregierung und der namibischen Regierung besteht Einigkeit darüber, dass der Rückführungsprozess in Würde und gegenseitigem Einvernehmen erfolgen soll."

Auch tansanische Überreste von Gebeinen werden in deutschen Museen vermutet. "Wir sind uns sicher", so der Tansanier Mnyaka Sururu Mboro von Berlin Postkolonial, "dass in Berlins Sammlungen auch zahlreiche Gebeine und heilige Objekte tansanischer Herkunft zu finden sind – selbst wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bisher nicht zu einem diesbezüglichen Gespräch bereit war. Die Arroganz der Staatlichen Museen zu Berlin steht im krassen Widerspruch zum ICOM Code of Ethics von 2004, der die Museen sogar verpflichtet, Rückgabeverhandlungen selbst zu initiieren."

Moctar Kamara, Vorsitzender des Zentralrats der Afrikanischen Gemeinde, erklärte am Mittwoch in Berlin: "Unser Ausschluss ist nicht hinnehmbar. Wir rufen Deutschlands Bevölkerung auf, mit uns gemeinsam Anteil zu nehmen und sich energisch für die Rückführung aller geraubten Gebeine und Kulturschätze nach Afrika einzusetzen."

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