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Neu Delhi. - In Indien mehren sich Berichte über Entführungen von Mädchen, Vergewaltigungen und Kinderprostitution. Auch Mitgift -und Ehrenmorde, Säureattacken, häusliche Gewalt sowie das Abtreiben weiblicher Föten und das absichtliche Vernachlässigen von weiblichen Kleinkindern stehen alle in dem gleichen Zusammenhang – und zeigen den niedrigen Status der Frauen in der indischen Gesellschaft. Belästigungen in der Öffentlichkeit und Drohungen mit Säureangriffen zeigen dass Teile der Bevölkerung immer noch nicht akzeptieren wollen, dass die weibliche Hälfte der Bevölkerung ein Recht hat am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dabei muss jedoch betont werden, dass Frauen in einigen Bundesstaaten gar nicht mehr die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Und das hat weitreichende Folgen für die ganze Gesellschaft.

Wenn der Mensch nicht eingreift, werden im Durchschnitt auf 100 Mädchen rund 105 bis 107 Jungen geboren. Da die Lebenserwartung von Männern weltweit niedriger ist, als die von Frauen, stellen sie in den allermeisten Ländern sogar die Mehrheit der Bevölkerung.

Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen schloss aus zahlreichen Statistiken, dass in den Entwicklungsländern rund 100 Millionen Mädchen "fehlen". Sie werden zumeist abgetrieben oder nach der Geburt derart vernachlässigt, dass sie sterben. Allein in Indien waren laut Sen in den letzten 20 Jahren zehn Millionen weibliche Föten oder Babys davon betroffen. Dass sich das Geschlechterverhältnis in Indien in den letzten Jahren weiter verschlechtert hat, wird durch den Vergleich der Volkszählungsergebnisse offensichtlich: Kamen 1991 noch 947 Mädchen auf 1000 Jungen, waren es zehn Jahre später nur noch 927 Mädchen. Im Jahr 2011 gab es in der Gruppe der unter sechs-jährigen 7,1 Millionen mehr Jungen als Mädchen.

Seit 1991 wurde in 80 Prozent aller Bezirke in Indien - im Vergleich zu der Zahl der Geburten von Jungs - ein Rückgang der Geburtenraten weiblicher Babys dokumentiert. Es wurden weit weniger Mädchen geboren als das natürlicherweise der Fall wäre, wobei die Situation im nordwestlichen Bundesstaat Punjab am schlimmsten ist. Seit Mitte der 1980er Jahre haben immer mehr Ärzte Ultraschallgeräte angeschafft, mit denen das Geschlecht ab der 16. Schwangerschaftswoche zuverlässig zu erkennen ist. Indien empfiehlt seinen Bürgern offiziell zwei Kinder. Um eine 'vollständige' Familie zu haben, treiben viele Eltern, deren Erstgeborene eine Tochter ist, die zweite oder dritte ab in der Hoffnung, dass irgendwann ein Sohn zur Welt kommt. Die Praxis hat sich auch in ländlichen Gebieten ausgebreitet.

In Indien ist es Ärzten seit zwanzig Jahren durch den "Pre-Conception and Pre-Natal Diagnostic Techniques (PCPNDT) Act" von 1994 verboten, den Eltern das Geschlecht von Ungeborenen mitzuteilen. 2003 wurde das Gesetz verschärft, um Ärzte besser belangen zu können. Wie die Zahlen zeigen, wird das Gesetz allerdingsnicht streng genug angewendet. Trotz des Verbotes wird in Kliniken auf Grund des Geschlechts abgetrieben.

Die Gründe dafür, dass die Menschen in Indien Söhne Töchtern vorziehen, sind vielschichtig und haben sowohl wirtschaftliche, kulturelle als auch religiöse Ursachen. Söhne werden als Erbe und als Stütze der Familie angesehen, Töchter dagegen als Armutsrisiko. Die Tradition der Mitgift (dowry), lässt die Verheiratung einer Tochter für ihre Familien existenzbedrohend kostspielig werden. Söhne werden zudem bevorzugt, weil sie die Familientradition weitertragen, mit höherer Wahrscheinlichkeit mehr Bildung und Perspektiven erhalten werden, wahrscheinlich mehr Geld verdienen und ihre Eltern deshalb später unterstützen können. Das ist den meist schlecht ausgebildeten Mädchen, die für die Hausarbeit vorgesehen sind, oft nicht möglich. Traditionell verlassen Töchter zur Hochzeit das Haus und helfen im Haushalt der Schwiegereltern. Ein indisches Sprichwort sagt, "Eine Tochter großzuziehen ist,wie den Garten seines Nachbarn zu gießen". Söhne sind auch Teil des wichtigen hinduistischen Bestattungsrituals, was bei religiösen Hindus ebenfalls ausschlaggebend für den Wusch nach männlichen Nachkommen sein kann.

Die Abwertung von Frauen ist in vielen Fällen so grundlegender Natur, dass auch die Mütter die Abtreibung von weiblichen Föten befürworten. Denn für sie ist die Geburt eines Sohnes oft die einzige Möglichkeit, in der Familie respektiert und anerkannt zu werden. Mütter haben zudem großen Einfluss auf ihre Söhne und sehr viel Macht über die zukünftige Schwiegertochter. Andere Frauen begründen die Unterstützung der Praxis damit, dass ihr eigenes Leben von Diskriminierung und Ausgrenzung gezeichnet ist und sie das einer Tochter nicht zumuten wollen.

"Geschlechterselektive Abtreibung ist in erster Linie eine Reflexion darüber, wie wenig unsere Gesellschaft Mädchen und Frauen schätzt. Das stark rückläufige Geschlechterverhältnis in Indien hat Ausmaße erreicht, die einem Notstand gleichkommen und es müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden um die Krise lindern. Das sich verschlechternde Verhältnis von 976 Mädchen auf 1000 Jungen im Jahr 1961 auf 927 Mädchen im Jahr 2001 und auf 918 Mädchen im Jahr 2011, zeigt, dass der wirtschaftliche und soziale Fortschritt im Land nichts über den Status von Frauen und Töchter in unserer Gesellschaft aussagt", erklärte Lakshmi Puri, stellvertretende Exekutivdirektorin von UN Women.

Die im Juli 2014 erschienene Studie "Sex Ratios and Gender Biased Sex Selection: History, Debates and Future Directions" von UN WOMEN und der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA analysiert unter anderem die Geschichte der einschlägigen Rechtsvorschriften, die Politik und Kritik an ihrer Umsetzung. Ein Schwerpunkt liegt in der Analyse der Tradition der Mitgift als Ursache für die Bevorzugung von Söhnen. Darüber hinaus werden die unterschiedlichen Perspektiven, vor allem Kultur, Gewalt und politische Ökonomie in dem Zusammenhang untersucht. Das Ergebnis der Studie ist, das "Indiens rückläufiges Kinder- Geschlechterverhältnis von einer Kultur zeugt, in der die Ungleichheit der Geschlechter tief verwurzelt ist. Geschlechtsselektion ist eine Manifestation der untergeordneten Stellung der Frau in der Gesellschaft, mit weit reichenden soziodemografischen Folgen."

Die Daten in der Studie zeigen, dass das Geschelchterverhältnis auch in den nordöstlichen Bundesstaaten wie Manipur und Nagaland seit der letztenVolkszählung verschlechtert hat - obwohl die Bevorzugung von Söhnen hier bisher nicht sehr verbreitet war. Gemäß dem Bericht ist das Geschlechterverhältnis in Manipur von 957 Mädchen im Verhältnis zu 1000 Jungen auf nur 936 gesunken, während es sich in Nagaland in den letzten zehn Jahren von 964 auf 943 verschlechtert hat. In Staaten wie Punjab und Haryana, die als Staaten mit dem ungleichsten Geschlechterverhältnis bekannt sind, hat sich das Verhältnis in der gleichen Zeit von 798 auf 846, beziehungsweise von 819 auf 834 etwas verbessert. Allerdings, hebt die Studie hervor, das ein Vergleich mit den Daten zwischen 1951 und 2011 einen rückläufigen Trend im ganzen Land zeigt. Das Geschlechterverhältnis fiel in diesen 60 Jahren von 983 auf 918 Frauen pro 1000 Männer. Abschließend wird in der Studie die Notwendigkeit regionaler Analysen hervorgehoben, um genau zu erklären warum es in historisch "schlechten" Gebieten kleine Verbesserungen gab und wie und warum genau sich die Praxis in Regionen ausbreitet, in denen das Geschlechterverhältnis vor kurzem noch normal war.

Studie: Sex Ratios and Gender Biased Sex Selection: History, Debates and Future Directions

Quellen: unwomensouthasia.org | csrindia.org

Lea Gölnitz, Mitarbeiterin bei epo.de, schreibt über Indien und Gender. Im zweiten Teil Geschlechterselektion: Was Indien von Südkorea lernen kann geht es um Konsequenzen und Maßnahmen zu Geschlechterselektion. Zuvor erschien ein Bericht zur Situation der Dalit Frauen in Indien.


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