Berlin. - In der Entwicklungspolitik war das Ziel Diskriminierung von Frauen und Mädchen zu beenden noch nie so beliebt wie heute. Entwicklung geht jetzt ganz einfach, in dem man Frauen und Mädchen stärkt.

UN Women fördert "female empowerment" um die Wirtschaft aufzubauen und auch um die international vereinbarten Ziele für Entwicklung und Nachhaltigkeit und die Lebensqualität aller zu verbessern. Auch die Weltbank hat "Gender" und Frauenförderung für sich entdeckt. Dadurch kann die Wirtschaft stabilisiert werden oder wie der IMF sagt "Empowering Women Is Smart Economics".

Immer mehr Programme und Initiativen rücken Frauen und Mädchen in den Fokus. Mit dabei ist auch die Nike Foundation mit der Initiative Girl Effect, eine Bewegung um "die Nutzung der einzigartigen Möglichkeiten von heranwachsenden Mädchen, die Armut für sich selbst, ihre Familien, ihre Gemeinden, ihren Ländern und der Welt zu beenden". Frauen und Mädchen werden so beschrieben als spielten sie die wichtigste Rolle bei der Lösung der komplexen Entwicklungsprobleme von heute. Auch in der post-2015 Agenda (SDGs) sollen Frauen und Frauenrechte eine wichtige Rolle spielen. Es soll ein eigenes Ziel nur für reproduktive Rechte von Frauen geben. Die tatsächlichen Sustainable Development Goals werden aber erst im September 2015 vorgestellt.

Infographic InvestInGirlsAndWomen FINAL

Die Menschenrechts-basierte Agenda, die Stärkung von Frauen als Selbstzweck sieht scheint in den Hintergrund zu geraten. Mittlerweile wird Frauen und Frauenrollen immer mehr Verantwortung zugetragen. Frauen müssen die Umwelt schützen, die Wirtschaft stabilisieren, ganze Dörfer erziehen und überhaupt die Welt retten. Im aktuellen Diskurs sind Frauen entweder Gebärmaschinen, die aufgeklärt werden müssen, Pflegerinnen, die sich um die Gemeinschaft kümmern müssen oder Opfer von Gewalt, Katastrophen und Wirtschaftskrisen.

Der Gender-Fokus in der Entwicklungspolitik ist nicht neu. Aber während es 1995 bei der 5. Weltfrauenkonferenz in Peking noch hieß "the advancement of women and the achievement of equality between women and men are a matter of human rights and a condition for social justice and should not be seen in isolation as a women's issue", heisst es mittlerweile "Invest in girls". Der Name ist Programm. Es geht nicht mehr um soziale Gerechtigkeit, sondern um die hohe Rendite – investiere in Mädchen und die ganze Familie, Gemeinschaft und das nationale Wohlbefinden profitieren davon.

Erst Mitte September erklärte Melinda Gates von der Bill & Melinda Gates Stiftung wie wichtig "Putting women and girls at the center of development" ist. Nach Gates stehen Frauen und Mädchen als "engines of development" im Mittelpunkt der Entwicklung und sollten sie als "Agents of Change" voran treiben. Empowerment ist nicht greifbar und schwer messbar. Wie misst man die Wahl, ein Baby in einer Einrichtung oder zu Hause zu bekommen und die Entscheidung wann welche Verhütungsmittel genommen werden. Daher ist es nicht immer klar, wie man in Empowerment investieren sollte und wie Erfolg gemessen werden kann.

In Gates Artikel heisst es, die Forschung in diesem Bereich identifiziert einige Schlüsselelemente des Empowerment, einschließlich Bildung, Kontrolle über Ressourcen, Entscheidungskompetenz und physische Sicherheit. Zugang von Mädchen zu Bildung, die am besten untersuchte Variable ist besonders leistungsstark. Jedes zusätzliche Jahr der Ausbildung sei mit einem Anstieg von 10 auf 20% im Einkommen verbunden.

Stärkung von Frauen wird vor allem an bestimmten Gesundheits- und Entwicklungsergebnissen gemessen, wie die Milleniums-Entwicklungsziele "Promote gender equality and empower women", "reduce child mortality und improve maternal health" zeigen. Wenn Frauen Kontrolle über eigene Ressourcen und Einkommen haben wird das mit positiven Entwicklungen bei der Familienplannung, Mutter-und Kindgesundheit, Ernährung und Landwirtschaft verbunden.
Im Einklang mit dem Glauben an Frauen als Motor der Entwicklung, sind Frauen mit niedrigem Einkommen in der Regel die Zielgruppe dieser Programme. Im Falle von Geldtransfers, zum Beispiel, erhalten Frauen Cash-Stipendien, die sie benötigen, um die Vorteile der pränatalen Versorgung und Unterricht über Ernährung und Hygiene zu nehmen, sowie für ihre Kinder Schulbesuch und regelmäßige Gesundheitschecks zu bezahlen. Beweise für den Erfolg der Mikrofinanzierung und Geldtransfers für die Förderung von Frauen sind bestenfalls gemischt, auf jeden Fall nicht durchgehend positiv.

Natürlich sollten Programme "Gender" mitdenken und alle Vorhaben einer Gender Analyse unterzogen werden. Und es ist gut, dass Mädchen und Frauen mehr Aufmerksamkeit bekommen, aber es scheint ein bisschen zu weit zu gehen. Die Hälfte der Bevölkerung kann nicht allein für Entwicklung verantwortlich gemacht werden.

Es gibt auch Organisationen die Jungen und Männer in den Kampf um Gleichberechtigung einbeziehen, wie die White Ribbon Campaign, NOMAS, Men Can Stop Rape und MenEngage. UN WOMEN startete die He for She Campaign. Diese Initiativen sind ein wichtiger Schritt, aber können nur der Anfang sein.

Männer fehlen größtenteils in der Debatte um die Entwicklungsagenda nach 2015 der Vereinten Nationen. Es ist klar, dass MDG Nummer 3: Die Förderung von Gleichberechtigung und Stärkung von Frauen nicht erreicht wird. Um dieses Problem anzugehen, kann es nicht so weitergehen. Zunächst muss etwas gegen die Abwesenheit der Männer in allen Strukturen und Debatten um "Gender und Entwicklung" gemacht werden. Zweitens müssen die organisierten Bemühungen der Männer, die bereits für die Gleichstellung der Geschlechter arbeiten mit eingebunden werden.

Es ist entscheidend Jungen und Männer in den Gleichberechtigungsprozess mit einzubeziehen. Wenn nur Frauen sich von ihren traditionellen Geschlechterrollen emanzipieren und Männer in ihren Rollen stecken bleiben kommt es zu Konflikten. Die Motivation von Gewalt gegen Frauen ist oft das sogenannte "Gender Policing". Frauen, die sich außerhalb der stereotypen Geschlechterrollen bewegen, z.B. moderne Kleidung tragen, heiraten wen sie möchten, zur Arbeit gehen, mit Männern befreundet sein, usw. Die Täter der Vergewaltigung im Dezember 2012 in Neu Delhi "rechtfertigten" ihre Tat damit, dass die Frau nachts draußen unterwegs war und, dass sie in Begleitung eines Mannes war. Ähnliche "Gründe", also das Brechen von traditionellen Regeln werden für Ehrenmorde und Belästigung beim Arbeitsplatz angegeben. Im Sommer 2012 wurde Frauen in Delhi mit Gewalt gedroht, wenn sie westliche Kleidung wie Jeans trugen.


Ein neuer Bericht der Weltbank zu "Violence against Women and Girls: Lessons from South Asia" fand heraus, dass wenn nur eine oder zwei Frauen nur ein wenig gebildet sind, sie einem höheren Risiko von Gewalt ausgesetzt werden könnten. Das Risiko werde geringer, wenn viele Frauen gebildet sind und der Bildungsstand insgesamt höher ist. Je gebildeter Frauen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie von Gewalt berichten. Andererseits könnte die Herausforderung des männlichen Verdieners im Haushalt Gewalt provozieren. Gleichzeitig, kann die Möglichkeit selbst zum Haushaltseinkommen beizutragen zu mehr Sicherheit führen.

Der Bildungsstand des Mannes kann sowohl positiven als negativen Einfluss auf Gewaltausübung haben. Einige Studien deuten darauf hin, dass besser gebildete Männer eine weniger starre Vorstellung von Männlichkeit haben und weniger geneigt sind, zu versuchen, ihre Frauen zu kontrollieren und Gewalt anzuwenden. Andere kommen zu dem Ergebnis, dass besser gebildete Männer eine größere Mitgift fordern, die mit größeren Risiken von Gewalt verbunden sind. Es wird davon ausgegangen, dass stabile Beschäftigung des Mannes die Wahrscheinlichkeit von Gewalt verringert.

Bei allen Ergebnissen der Studie wird klar, dass es keine einfache Lösungsformel wie die "Aufklärung von Männern und Frauen" gibt. Aber es wird deutlich, dass es allein mit der Bildung und Beschäftigung von Frauen auch nicht getan ist. Wenn Männer nicht mit einbezogen werden, scheitert die post-2015 Agenda an der Gleichberechtigung genauso wie die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs).

Interessanter Weise hatte die Weltbank das Bedürfnis erklären zu müssen warum sie eine Studie zu Ursachen und Lösungen für Gewalt gegen Frauen durchführte:
"Monetizing the costs of these consequences has proved challenging, and estimates of costs to individuals and households vary tremendously across studies. Still, it is clear that monetary costs are borne because of days lost to work, treatment costs of injuries, or police and judicial arrangements. Finally, violence against girls and women undermines countries’ achievements of at least six of the eight United Nations Millennium Development Goals."

Hinzu kommt, dass Gleichberechtigung in keinem Land auf der Welt erreicht ist. Der globale Norden sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen mit Versprechungen zu Stärkung von Frauen. Mitte September erklärte Hillary Clinton "Girls and women deserve to be at the center of American foreign policy. It's reflective of our values. It's part of who we are. It's the unfinished business of the 21st century".
Im Zuge der Debatte um Zugang zu Verhütungsmittel, Versuche Abtreibungskliniken zu schließen und eine schwache Repräsentation von Frauen in der Politik sprechen nicht für eine besonders hohe Wertschätzung von Frauen in den USA. Auch in anderen Ländern der westlichen Welt sind vor allem Frauen von Armut bedroht, erhalten niedrigere Löhne für gleiche Arbeit und sind kaum in Führungspositionen vertreten.

Der Weg zur Gleichberechtigung und Stärkung von Frauen sollte von den Frauen aus dem globalen Süden gestalten werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kampagne No Country for Women. Unter anderem werden Workshops wie dieser zu Geschlechterrollen und Gewalt an Schulen organisiert.

 

Grafik © Women Deliver 


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