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Berlin (epo). - Israel greift den Amtssitz des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija in Gaza mit Raketen an. Der militärische Flügel der regierenden Hamas-Partei droht mit Anschlägen in Israel, falls die israelische Armeee ihre Gaza-Offensive nicht beendet. Im Nahen Osten herrscht Normalität. Nicht so am selben Tag in Berlin-Kreuzberg. Hier stehen Israelis und Palästinenser Arm in Arm und reden vom Frieden. Bei der Straßenfußball-Weltmeisterschaft auf dem Mariannenplatz kämpfen Juden und Araber gemeinsam - um den Ball. Am Sonntag wurde das Turnier von Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier, FIFA Präsident Sepp Blatter und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit offiziell eröffnet.

Das israelisch-palästinensische Team vom Peres Center for Peace, das erfolgreich in der ersten israelischen Futsal-Liga spielt, ist eine von 22 Mannschaften, die in Berlin um den Titel des Straßenfußball-Champions streiten. Oder genauer gesagt um die Copa Andrés Escobar, den Pokal des "festival 06", wie das Turnier auch heißt.

Make Goals not warDer kolumbianische Nationalspieler Andr?s Escobar Saldarriaga war auf den Tag genau zwölf Jahre vor dem Anpfiff der Kreuzberger Straßenfußballer-WM erschossen worden, nachdem der Abwehrspieler von Atl?tico Nacional Medell?n bei der FIFA WM 1994 in den USA ein Eigentor erzielt hatte.

Kolumbien verlor damals 1:2 und schied vorzeitig aus dem Turnier aus. Wenige Tage später, am 2. Juli 1994, feuerte Humberto Mu?oz Castro vor einer Bar in Medell?n auf den Abwehrspieler und tötete ihn mit einem Dutzend Schüssen. War Castro ein enttäuschter Fan oder ein gedungener Mörder, der im Auftrag der kolumbianischen Wettspielmafia handelte, wie eine These über den Grund der Schüsse lautete? Jedenfalls wurde Escobars Mörder im Juni 1995 zu 43 Jahren Haft verurteilt. Aber schon 2005, nach elf Jahren, wurde er wegen guter Führung aus der Haft entlassen.

FUSSBALL FÜR DEN FRIEDEN

Für den Berliner Jürgen Griesbeck, den Gründer des weltweiten Straßenfußball-Netzwerks streetfootballworld, war der Mord an Escobar der Anlass, das Projekt "F?tbol por la Paz" aus der Taufe zu heben. Griesbeck war Gastdozent an der Universidad de Antioquia in Medell?n, als der Fußballer ermordet wurde. Er wollte die Spirale aus Gewalt, Drogen und Armut "mit der Kraft des Fußballs sprengen".

Prominenz
Die Eröffnung des Turniers durch Außenminister Steinmeier,
FIFA-Präsident Sepp Blatter und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit
Foto ? epo.de

"Andr?s Escobar wird in Kolumbien nie vergessen sein, mit dem festival 06 bleibt er der ganzen Welt in Erinnerung", sagt der kolumbianische Künstler Walter Tello, der die Bronzestatue gestaltete. Der Ball und die Friedenstaube sind das Symbol für das kolumbianische Team "F?tbol por la Paz" (Fußball für den Frieden) und für alle Projekte im streetfootballworld-Netzwerk.

PFIFFE FÜR DEN AUSSENMINISTER

Nicht alles war Friede, Freude, Fußball zu Beginn des Turniers auf dem Kreuzberger Mariannenplatz. Außenminister Steinmeier wurde mit Pfiffen bedacht, als er die Weltmeisterschaft der Straßenkicker eröffnete. Denn das deutsche Auswärtige Amt hatten den Teams aus Ghana und Nigeria die Visa verweigert - angeblich, weil die Gefahr drohte, dass deren Spieler, die ebenso wie die Akteure der anderen Teams aus sozialen Brennpunkten stammen, in Deutschland bleiben könnten.

Wie bei der Visa-Vergabe üblich, wurden die Spieler aus Nigeria und Ghana, die sich wie alle anderen mit ihrem Engagement in den Fußball-Projekten gegen Gewalt, Drogen und Armut einsetzen, nach ihren Plänen in Deutschland befragt. Einige gaben nach Darstellung des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, angeblich an, sie wollten Profis werden und in Deutschland Fußball-Karriere machen. Diese Naivität war offensichtlich Grund genug für die deutschen Beamten, an der "Rückkehrbereitschaft" der jungen Fußballer zu zweifeln.

Das Landesnetzwerk der Berliner entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (BER) verurteilte die Entscheidung des Auswärtigen Amtes, den Straßenfußballern aus Ghana und Nigeria die Einreise zu verweigern. "Es ist sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet zwei afrikanischen Mannschaften die Einreise verweigert wird. Hier zeigt sich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird," sagte der Koordinator des BER, Alexander Schudy. Das entwicklungspolitisches Projekt werde durch den Ausschluss der beiden Mannschaften im Kern in Frage gestellt. "Der Gedanke des Projekts ist es, soziale und räumliche Grenzen zu überwinden. Diese entwürdigende Umgehensweise der deutschen Behörden führt die strukturelle Benachteiligung afrikanischer Menschen erneut drastisch vor Augen." Auch andere NRO und zahlreiche Politiker hatten gegen den Ausschluss protestiert.

Für die verbliebenen 22 Mannschaften geht es um Kicken, Kultur und das Gute am Ball: Toleranz üben, Fairness trainieren, Abseits aufheben. Das weltweite Forum für den Straßenfußball baut seit dem Jahr 2002 ein Netzwerk auf, dem bereits rund 80 Projekte in fünf Kontinenten angehören. Über das Netzwerk tauschen die Projekte ihr Know-how aus, fördern sich gegenseitig und stärken so die weltweite Bewegung des Straßenfußballs.

Sepp Blatter
FIFA-Chef Sepp Blatter. Foto ? epo.de

Außenminister Steinmeier versprach bei der Eröffnung, die Bundesregierung werde die Fußball-Projekte in Ghana und Nigeria auch weiterhin "vor Ort" fördern. FIFA-Präsident Sepp Blatter fand "football for all and for a better understanding" einfach "großartig". Und auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hieß die Spieler, "die nicht mit goldenen Löffeln geboren wurden", in einer "wunderbaren Stimmung der Tolerenz und der Völkerverständigung" willkommen.

Kreuzberg, einer der sozialen Brennpunkte der Bundeshauptstadt, ist für Wowereit nicht von ungefähr zum Austragungsort bestimmt worden: "Wir haben nur eine Chance", sagte er. "Gemeinsam eine friedliche Welt zu gestalten."

Wie friedlich es auf dem Platz zugeht, müssen die nächsten Tage zeigen. Der 1. Straßenfußball-Weltmeister, der am 8. Juli gekürt wird, darf die Trophäe mit in sein Fußballprojekt nehmen. Aber nur für vier Jahre. Denn 2010 findet die 2. Straßenfußball-Weltmeisterschaft in Südafrika statt.

Die Teams der Straßenfußball-WM
www.streetfootballworld.org


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