gfbvGöttingen (epo.de). - Zur Entschärfung der sich zuspitzenden Krise in Bolivien hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am Mittwoch die Entsendung internationaler Konfliktschlichter und Beobachter in das südamerikanische Land gefordert. "Bolivien steht vor einer Zerreißprobe: Das Ringen um die neue Verfassung, in der mehr Rechte für die indianische Bevölkerungsmehrheit verankert sind, spaltet die Gesellschaft", erklärte die GfbV-Referentin für Indigene Völker, Kerstin Veigt, anlässlich der öffentlichen Anhörung der Bundestagsfraktion Die Linke in Berlin.

Veigt war für die GfbV nach Bolivien gereist und hatte mit Vertretern der indigenen Organisationen Gespräche über Zukunftsperspektiven ihrer Gemeinschaften geführt sowie Konflikte und Menschenrechtsverletzungen recherchiert. Ihre Ergebnisse sind in dem 25-seitigen neuen GfbV-Report "Bolivien - Indigene Völker verteidigen neue Rechte gegen alte Machtstrukturen" zusammengefasst, der ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht wurde (www.gfbv.de).

Die Spannungen zwischen dem armen indianisch geprägten Andenhochland im Westen Boliviens und dem reichen, von Einwohnern europäischer Abstammung und Mestizen dominierten Tiefland im Osten sind in den vergangenen Monaten eskaliert. Während die vier Bundesländer des Tieflandes in Referenden Autonomie gefordert und sich so ausdrücklich von der Politik von Präsident Evo Morales distanziert haben, beharren alle indianischen Organisationen auf der landesweiten Durchsetzung der Verfassung. Deren Kernpunkte sind eine Landreform, die Umverteilung der Kontrolle über die Rohstoffe zugunsten der indigenen Bevölkerungsmehrheit sowie Selbstverwaltungsstrukturen für Indigene Gemeinschaften.

Die politische und wirtschaftliche Elite des Tieflandes, Großgrundbesitzer und Präfekte, hält an ihrer jahrhundertealten Vorherrschaft fest, verteidigt ihr angeeig-netes Land und ihren Zugang zu den natürlichen Rohstoffen, vor allem Erdgas und -öl. Eine Landreform zugunsten der armen indianischen Bevölkerung lehnen sie ab. So warten die Guarani im Departement Santa Cruz seit mehr als zehn Jahren auf die Anerkennung ihres Landtitels. Einige Guarani-Gemeinschaften mit zusammen etwa 7.000 Angehörigen leben unter sklavenähnlichen Verhältnissen, müssen ohne Lohn auf ihrem eigenen Land für Großgrundbesitzer arbeiten, können sich nicht frei bewegen, bekommen Nahrung und Kleidung zugeteilt.

Die indigenen Völker stellen 62 % der rund 9.427.219 Einwohner Boliviens (Stand Juli 2003). Offiziell anerkannt sind 36 Völker. Die beiden größten, die Quechua (30,7 %) und die Aymara (25,2 %) siedeln v.a. im Hochland. Im Tiefland sind die Indigenen mit 17 % in der Minderheit. Die größten Gruppen sind hier die Chiquitano (3,6%), Guaraní (2,5%) und die Mojeno (1,4%). 82 % der Bevölkerung Boliviens leben unterhalb der Armutsgrenze (UNDP- Bericht 2004), Ureinwohner sind oft von extremer Armut betroffen. Zehn Prozent der Ländereien gehören 90 Prozent der indi-genen Bevölkerung. 90 % des Landes sind in den Händen von Großgrundbesitzern.

www.gfbv.de

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