TV Duell. Foto: ARDBerlin (epo.de). - "Yes we gähn!" titelten Bild-Zeitung und taz am Montag, ein "Remis der Rollenspieler" sah die Süddeutsche Zeitung: Das "TV-Duell" der Kanzlerkandidaten war ein TV-Duett, dem es an Kontroversen und Zukunftsvisionen mangelte. Das Schicksalsthema Klimawandel: Fehlanzeige. Globale Armut: Fehlanzeige. Ebenso ignorant wie die Kandidaten hinsichtlich dieser Zukunftsthemen der Menschheit waren die Moderatoren. Ein Kommentar von Klaus Boldt.

6.885 Menschen hatten vor dem "TV-Duell" für "die Kanzlerfrage" votiert: Mindestens eine der Fragen sollte zum Themenkomplex globale Armut gestellt werden. An die Moderatoren der Sendung ging der Appell: "Bitte fragen Sie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, was sie im Fall eines Wahlsiegs für die ärmsten Länder der Welt tun werden." Allein die Tatsache, dass eine solche Frage eingefordert werden muss, ist ein Armutszeugnis. Doch Moderatoren und Kandidaten übergingen den Appell.

"Bei dem gestrigen TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier wurde das Thema Entwicklungspolitik ignoriert. Dies ist sehr enttäuschend, da sich fast 7.000 Menschen an der Aktion 'Die Kanzlerfrage' beteiligt haben. Sie alle wollten, dass die weltweite Armut nicht ausgeblendet wird", so der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO).

"Genauso wie die Themen Bildungspolitik oder Klimawandel kam Afrika in den Fragen von Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL), Peter Limbourg (Sat.1) und Frank Plasberg (ARD) nicht vor - deshalb lautete das Urteil vor den Hauptstadtstudios heute: 'Daumen runter'", erklärten "Deine Stimme gegen Armut", ONE Deutschland und die UN-Millenniumkampagne. "Wir werden gemeinsam mit Euch auch der nächsten Bundesregierung und dem am 27. September zu wählenden Bundestag Dampf machen, damit Versprechen eingehalten werden und mehr und bessere Entwicklungszusammenarbeit geleistet wird. Für weltweite Armutsbekämpfung und für eine gerechte Globalisierung."

Aktion vor ARD-Hauptstadt-Studio. Foto: DSGA

Selbst das einzige außenpolitische Thema wurde aus rein innenpolitischen Gründen angeschnitten: Afghanistan. Ansonsten drehte sich die Debatte vor allem um den Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, Manager-Gehälter, Arbeitsplätze und den Autokonzern Opel, Mindestlöhne und den Ausstieg aus der Atomkraft.

Die Reaktion darauf blieb auch nicht aus. Die "Kanzlerkandidaten floppten beim wichtigsten Zukunftsthema Klimaschutz", urteilte die Umweltorganisation WWF. "4 Minuten zum Atomausstieg, null zum wichtigsten Zukunftsthema Klima- und Umweltschutz während des 90minütigen TV Duells."

WWF: "NICHT REGIERUNGSFÄHIG"

Weder Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) hätten Konzepte zur Bewältigung der Klimakrise vorgeschlagen, kritisierte der WWF. "Wenn hier nicht mehr kommt, sind Merkel und Steinmeier in dieser Frage nicht regierungsfähig", erklärte WWF-Klimaexpertin Regine Günther am Montag in Frankfurt. "In den kommenden vier Jahren werden zentrale Weichen in dieser für die Menschheit wichtigen Frage gestellt. Den Kanzlerkandidaten war dies aber keine Sekunde wert. Das ist mehr als enttäuschend", sagt Günther.

Das weitgehende Ausblenden von Themen wie Klimaschutz und Energiewende ist umso erstaunlicher, weil für neun von zehn Deutschen nach einer deutschlandweiten Umfrage des Meinungs- und Wahlforschungsinstituts Infratest dimap der Aufbau einer klimafreundlichen Wirtschaft mit Millionen "grüner Jobs" wichtig für ihre Wahlentscheidung ist. Im Juni war eine repräsentative Umfrage der Hilfsorganisation Oxfam zu dem Ergebnis gekommen, dass 70 Prozent der Deutschen auch in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise für eine finanzielle Unterstützung armer Länder sind.

Umweltzerstörung und Klimawandel machen den Deutschen sogar Angst. 70,7 Prozent aller Frauen und Männer mit minderjährigen Kindern erklärten nach einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Gesundheitsmagazins "Apotheken Umschau", die Klima-Diskussion mache ihnen wirklich Angst. Sie bangten um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder. Von den Bundesbürgern ohne minderjährigen Nachwuchs werden immerhin noch 60,4 % von solchen Ängsten geplagt. Befragt wurden 2.069 Personen ab 14 Jahren, darunter 530 Frauen und Männer mit minderjährigen Kindern.

Deshalb "floppten" nicht nur die Kandidaten, sondern auch das Moderatorenteam Maybrit Illner (ZDF), Frank Plasberg (ARD), Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (SAT.1). Für Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck war die Debatte "langweilig". "Ich habe keinen neuen Gedanken gehört, den ich nicht schon aus der Zeitung kannte", sagte er dem Kölner Stadtanzeiger.

Das Forum Umwelt und Entwicklung erinnerte am Montag daran, die Zahl der Hungernden in der Welt habe einen Höchststand von über einer Milliarde erreicht. "Beschlüsse der Staatengemeinschaft auf den Welternährungsgipfeln 1996 und 2002, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, sind in weite Ferne gerückt", konstatiert das Bündnis von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen. Auf die wachsenden Herausforderungen bei der Welternährung reagieren die deutschen Parteien überwiegend mit den alten Rezepten, die nicht funktioniert haben, wie die Antworten auf einen Aufruf des Forums zeigen.

Laut ARD sahen 14,18 Millionen Zuschauer am Sonntag das "Fernsehduell" zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer. Für ARD-Chefredakteur Thomas Baumann war es "das politische Fernsehereignis des Jahres 2009". Die deutschen Fernsehkonsumenten können damit für den Rest des Jahres getrost abschalten.

Fotos: ARD, DSGA

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