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copyright by FAO - www.fao.orgHamburg. - Die Zeiten für Nomaden in der Sahelzone sind schwierig, und es kommen noch schwerere Zeiten auf sie zu. So lassen sich die Diskussionen im Rahmen zweier Konferenzen zu Viehzüchtern und Landwirtschaft zusammenfassen, die in der letzten Woche in Nouakchott (Mauretanien) und Dakar (Senegal) stattfanden. In der Sahelzone leben noch etwa 16 Millionen Nomaden von der Viehzucht und ziehen über große Entfernungen von einem Weideplatz zum nächsten.

Diese Wirtschafts- und Lebensweise hat es über viele Jahrhunderte ermöglicht, die karge Vegetation am Rande der Sahara nachhaltig zu nutzen. Aber inzwischen gibt es für die Nomaden eine größere Zahl existenzbedrohender Probleme: Klimawandel mit vermehrten Dürren, Ausweitung der Wüsten, zunehmende Nutzung guter Weideflächen für die Bewässerungslandwirtschaft, Bürgerkriege, rasch wachsende Bevölkerung, ökonomische Zwänge zur Vergrößerung der Herden ...

Die Weltbank, regionale zwischenstaatliche Zusammenschlüsse wie ECOWAS und nationale Regierungen luden am 29. Oktober 2013 zu einer Konferenz in Nouakchott ein, um zu beraten, wie die ökonomische und soziale Situation der Nomadenfamilien in der Sahelregion verbessert werden kann. Deutlich wurde, dass die Viehzüchter mehr als nur eine marginale Rolle für die Wirtschaft ihrer Länder spielen. So wies die Weltbank darauf hin, dass die Hälfte der Milch und des Fleisches in den westafrikanischen Küstenländern aus der Sahelzone stammt. Aber die Viehzüchterfamilien leben zunehmend in großer Armut und bilden die größte Gruppe unter den Menschen in den Sahelstaaten, die hungern oder von Hunger bedroht sind.

Zu der Misere trägt wesentlich bei, dass der Zugang der Viehzüchter zu Grund- und Flusswasser immer prekärer wird. Die Bewässerungslandwirtschaft hat sich entlang der Flüsse und Seen der Region stark ausdehnt, sodass die Nomaden den Zugang zu vielen traditionellen Wasserquellen verlieren. Die Weltbank fordert einerseits eine Unterstützung der Nomaden, fördert aber gleichzeitig massiv den weiteren Ausbau einer großflächigen Bewässerungslandwirtschaft, die die Lebensgrundlage der Nomaden gefährdet.

KONZEPTE FÜR EIN ENDE DER MARGINALISIERUNG DER NOMADEN

Die Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO www.fao.org setzte sich in Nouakchott für einen "proaktiven und integrierten Ansatz" ein, in dessen Mittelpunkt steht, "belastbare Lebensgrundlagen" für die Viehzüchter zu schaffen, so der FAO-Generalsekretär. Dies sei die Grundlage für die Schaffung von Ernährungssicherheit.

Konkret engagiert sich die FAO für eine Verbreiterung der Einkommensgrundlage und eine stärkere Kapitalbildung von Viehzüchterfamilien. Außerdem benötigen sie praktische Unterstützung zum Beispiel auf dem Gebiet der Tiermedizin. Auch ist es notwendig, die Infrastruktur in ihrem Lebensraum zu verbessern und eine soziale Absicherung zu schaffen. Moderne Informationstechnologien können helfen, rechtzeitig vor drohenden Katastrophen zu warnen und außerdem mit Wetterberichten und Informationen über die Situation von Weideflächen eine wirkungsvollere Planung von Weidewechseln zu ermöglichen.

Erforderlich für eine solche breite Unterstützung der Nomaden sind nicht nur Geld und Beratung, sondern auch ein Umdenken in Regierungen und Entwicklungsorganisationen. Jonathan Davies von der "International Union for the Conservation of Nature" (IUCN) betonte am Rande der westafrikanischen Regierungstreffen: "Das, was zweifellos die meisten Viehzüchter überall in Afrika kennzeichnet, ist die Bewegung ihrer Herden. Aber es bestehen große Missverständnisse und Vorurteile. Viele Regierungen und Entwicklungsorganisationen sehen diese Mobilität weiterhin als Problem an, das es zu stoppen gilt ... und nicht als rationalste Strategie im Umgang mit einem sehr wechselhaften Klima." Den Nomaden die Möglichkeit zu Wanderungen mit ihren Herden zu nehmen, könnte in Dürrezeiten ihr ganzes Vieh vernichten.

Um die Koexistenz von nomadisierenden Viehzüchtern und Ackerbauern zu ermöglichen, propagierte die FAO in Nouakchott ihr Konzept eines "Participatory Rangeland Management".  Dazu gehört, dass zur Konfliktentschärfung bestimmte Flächen für die Viehzüchter reserviert werden und andere für die Ackerbauern. Auch muss verbindlich geregelt werden, wer welchen Zugang zu Wasserquellen hat.

DIE "KARAWANE" ZIEHT WEITER

Nach dem Ende des eintägigen Treffens zu Nomadenthemen in Nouakchott zog die Konferenz-"Karawane" weiter, um am 30. und 31. Oktober in Dakar über die Förderung der Landwirtschaft und insbesondere der Bewässerungslandwirtschaft in der Sahelregion zu beraten. In einer Pressemitteilung vor dem "High Level Forum on Irrigation" Dakar propagierte die Weltbank eine rasche Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft. Nur ein Fünftel des Bewässerungspotenzials der Sahelzone werde gegenwärtig genutzt, argumentiert die Weltbank. Dass ein so hohes Potenzial bestehen soll, erklärt sich daraus, dass die Weltbank davon ausgeht, dass große Mengen fossilen Grundwassers unter der Sahelzone vorhanden sein sollen, die es zu nutzen gelte.

Mindestens zwei Risiken werden aber von Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen angeführt. Zunächst einmal wird es verschärfte Konflikte um dieses Wasser geben, denn auch bei optimistischer Einschätzung wird es nicht reichen, um alle Erwartungen zu erfüllen. Zu erwarten ist, dass sich einflussreiche politische und wirtschaftliche Führungsschichten das Wasser aneignen und so ihre Vormachtstellung noch ausbauen. Dabei wird vermutlich eine umsichtige, sorgsame Nutzung des kostbaren Wassers auf der Strecke bleiben.

Außerdem werden Wasserressourcen verplant, deren tatsächliche Größen niemand kennt, weil flächendeckende hydrologische Untersuchungen fehlen. Und dass ein Land wie Saudi-Arabien inzwischen schonender mit seinen Grundwasservorräten umgeht, weil es die Illusion verloren hat, sie seien nahezu unbegrenzt, kann für die Sahelzone eine Warnung sein.

Aber während die Weltbank in ihrem Arbeitspapier "Transforming Agriculture in the Sahel" noch ein breiteres Spektrum von Maßnahmen auch zur Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nebeneinander gestellt hat, ist beunruhigend, welche Rolle Agrobusiness und Großbetriebe der Bewässerungslandwirtschaft offenbar im Denken der Weltbankverantwortlichen haben, wenn es um die Umgestaltung der Landwirtschaft im Sahel geht.

WELTBANKPLÄNE FÜR DIE SAHELZONE

Ebenso gilt es nach Auffassung der Weltbank, das Potenzial der Flüsse der Region besser zu nutzen. Makhtar Diop, der stellvertretende Weltbankpräsident für Afrika, ist überzeugt: "Die Einzugsgebiete von Niger, Senegal, Tschadsee und Voltafluss besitzen ein riesiges bisher nicht entwickeltes Potenzial für die Bewässerung, den Fischfang, den Transport und die Wasserkraft. Meine Kollegen und ich in der Weltbank wollen die Situation verbessern, damit die Bauern und ihre Familien im Sahel einen Nutzen ziehen können aus der wachsenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Fleisch und Milchprodukten."

Dass der Weltbankvertreter den Tschadsee erwähnte, muss verwundern, denn er ist vor allem als Folge einer wachsenden Bewässerungslandwirtschaft am See selbst und seinen Zuflüssen auf einen kümmerlichen Rest geschrumpft. Neben dem Aralsee gilt der Tschadsee weltweit als Sinnbild für ökologische Katastrophen, die ausgelöst werden, wenn hemmungslos Wasser für die Landwirtschaft genutzt wird.

Auch der Hinweis auf das große Wasserkraftpotenzial der Flüsse der Region kann Befürchtungen wecken, denn mehr Staudämme und Stauseen lassen erwarten, dass immer weniger Wasser an den Unterläufen der Flüsse ankommt und dass die zwischenstaatlichen Konflikte um das knapper werdende Wasser sich verschärfen. Mehr Beachtung würden bei solchen Plänen drohende Folgen des globalen Klimawandels auf den Sahel verdienen.

MEHR BEWÄSSERTE FLÄCHEN GEPLANT

Die zur Konferenz angereisten Minister aus Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger, Senegal und Tschad nannten in der "Erklärung von Dakar" als Ziel, bis 2020 die bewässerte landwirtschaftliche Fläche in der Region von 400.000 Hektar auf 1.000.000 Hektar auszuweiten. Dafür wird eine Investitionssumme von mehr als sieben Milliarden Dollar angesetzt. Dieser Beschluss liegt ganz auf der Linie der Weltbank, die sich für eine Verdoppelung der bewässerten Fläche in der Sahelregion in den nächsten fünf Jahren einsetzt.

Am Ende der Beratungen in Dakar erinnerte José Graziano da Silva, der Generaldirektor der FAO, an die Notwendigkeit, die Situation der Nomaden nicht aus dem Blick zu verlieren: "Wir verfügen über die Instrumente, um verletzliche Gemeinschaften im Sahel in sehr viel stärkere und widerstandsfähige Gemeinschaften zu verwandeln, und wir können nicht länger warten, bis die nächste Dürre oder Flut kommt."

Die FAO wies bei der Konferenz darauf hin, dass kleine Systeme zum Wassersammeln und -speichern große positive Auswirkungen für Familien in ländlichen Gebieten haben können. Nach den Treffen in Nouakchott und Dakar bleibt offen, welchen Stellenwert solche kleinen lokalen Initiativen in Zukunft im Vergleich zu großen Akteuren der Bewässerungslandwirtschaft und gewaltigen Staudämmen haben werden.

kuerschner-pelkmann frankFrank Kürschner-Pelkmann lebt in der Nähe von Hamburg, arbeitet als freier Journalist und betreibt u.a. die Website www.wasser-und-mehr.de.

Grafik: Wikipedia Commons

 

 


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