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wasser kind unicef 200Hamburg. - "Wenn die nationalen Regierungen die Sicherheitsfragen in Zusammenhang mit dem Wasser nicht sehr viel ernster nehmen, bewegen sie sich auf ein schwarzes Loch zu." Das äußerte Hussein Amery, einer der Autoren des Buches "Middle East: Geography of Peace", 2009 prophetisch. Eines dieser "schwarzen Löcher", wissen wir heute, ist der Bürgerkrieg in Syrien. Sicherheit und Frieden kann es im Nahen Osten nicht geben, wenn die Verschwendung von Wasser nicht eingestellt und Ungerechtigkeiten beim Zugang zum kostbaren Nass nicht überwunden werden. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der gerade veröffentlichten Analyse "Bevor die Wasseruhr abläuft ... Wasserkonflikte und Wasserkooperation im Nahen Osten".

Im Nahen Osten, wo es seit Jahrtausenden immer wieder Auseinandersetzungen um knappes und kostbares Wasser gegeben hat, werden sich diese Konflikte nicht zuletzt als Folge des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten weiter verschärfen. Die Schere zwischen wachsendem Verbrauch und zurückgehenden Wasserressourcen wird sich noch weiter öffnen. Vor allem wegen des enorm hohen Bedarfs der Bewässerungslandwirtschaft und des zunehmenden städtischen Wasserverbrauchs leben die Nahoststaaten über ihre "Wasser-Verhältnisse", nutzen also mehr Wasser, als sich durch Niederschläge neu als Grundwasser sammelt. Kurzfristig wird dieser Verbrauch vor allem durch Meerwasserentsalzung und dadurch gedeckt, dass die Grundwasservorräte geplündert werden. Die Folge ist ein dramatisch sinkender Wasserspiegel. Ebenso wird das Wasser aus Flüssen ohne Rücksicht auf die Natur übernutzt.

Besonders sichtbar wird dies am Unterlauf des Jordan, wo mehr als 98 % der ursprünglichen Wassermenge von 1,3 Milliarden Kubikmetern für andere Zwecke abgezweigt werden. Was noch durch das Tal des Jordan vom See Genezareth zum Toten Meer fließt, war bisher vor allem Abwasser. Die regionale Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth Middle East" beklagt, der Jordan sei in einen "Abwasserkanal" verwandelt worden. Nun hat Israel begonnen, wenigstens eine gewisse Wassermenge aus dem See Genezareth in den Fluss zu leiten.

PALÄSTINA: OHNE AUSREICHEND WASSER KEINE ENTWICKLUNG – UND KEIN FRIEDEN

Die Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern erscheinen auch deshalb so schwer lösbar, weil erbittert darum gestritten wird, wer wie viel Wasser nutzen darf. In den seit 1967 von Israel kontrollierten Gebieten wurde der Zugang der Palästinenser zu Grund- und Flusswasser stark eingeschränkt. Die Weltbank hat 2009 eine Analyse der Restriktionen der Entwicklung des palästinensischen Wassersektors veröffentlicht. Danach nutzen die Israelis etwa 80 % des geschätzten verfügbaren Wassers aus dem Grundwasserspeicher unterhalb von Westbank und Teilen Israels, während der palästinensischen Bevölkerung lediglich etwa 20% zur Verfügung stehen. Ohne israelische Zustimmung dürfen die Palästinenser keine Brunnen bohren oder vertiefen. Auch alle anderen Wasserbaumaßnahmen bedürfen der Zustimmung. Zu den Folgen gehören laut Weltbankanalyse, dass die palästinensischen Familien zu wenig Trinkwasser erhalten und dass die palästinensische Landwirtschaft wegen zu wenig Bewässerungswasser in ihrer Entwicklung stark behindert wird.

In der weiterhin vollständig unter israelischer Verwaltung stehenden C-Zone (circa 60 % der Westbank) leben etwa 180.000 palästinensischen Einwohner. Die UN-Nachrichtenagentur für humanitäre Themen IRIN berichtete Ende 2012 aus dem Jordantal, dass dort die palästinensische Bevölkerung die ärmste auf der Westbank ist. "Dort leben die meisten Palästinenser ohne einen Zugang zu einer ausreichenden Menge sauberem Wasser ... Innerhalb der Gebiete, die als Schussfeld dienen, sind mehr als 90 % der palästinensischen Gemeinschaften von Wasserknappheit betroffen und bekommen täglich weniger als 60 Liter je Einwohner."
 
Unter solchen Bedingungen – zu denen auch die katastrophale Wasserversorgungssituation im Gazastreifen gehört – ist an eine Versöhnung und ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinensers schwerlich denkbar. Umgekehrt, so hofft auch die israelische Friedens- und Umweltbewegung, kann eine gerechte und ökologisch nachhaltige Nutzung des Wassers der Region zu gegenseitigem Vertrauen und Schritten in Richtung auf einen umfassenden Frieden führen.

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Pakistanische Frauen beim Plausch an einer Wasserstelle am frühen Morgen. © GIZ / Florian Kopp


KONFLIKTE UM DAS WASSER VON EUPHRAT UND TIGRIS

Neben dem Jordantal ist das Flusseinzugsgebiet von Euphrat und Tigris eines der Konfliktzentren um Wasser im Nahen Osten. Beide Flüsse entspringen in der Türkei, und die Ansprüche mancher türkischer Politiker hat der Parlamentsabgeordnete Kamran Inan bereits 2003 so auf den Punkt gebracht: "Es sind unsere Flüsse, es ist unser Wasser, und wir machen damit, was wir wollen."

Die Türkei hat es nicht bei verbalen Ansprüchen belassen. Im Rahmen des "Anatolien-Projekts" ist der Bau von 22 Staudämmen vorgesehen, von denen mehr als ein Dutzend vollendet sind. Mit aufgestautem Wasser sollen 1,7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche bewässert werden, das entspricht mehr als der halben Fläche Belgiens. Außerdem sollen jährlich 27 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt werden.

Während der Füllung der Stauseen, durch Verdunstung und aufgrund der verstärkten Wassernutzung durch die türkische Bewässerungslandwirtschaft kommt weniger Flusswasser in den Nachbarstaaten Syrien und Irak an. Dagegen haben die Regierungen der beiden Länder immer wieder protestiert, denn ihre Landwirtschaft und Energieerzeugung erleiden beträchtliche Schäden. Aber die Türkei ist seinen Nachbarstaaten sowohl ökonomisch als auch militärisch weit überlegen, und diese Überlegenheit hat sich durch die Kriege im Irak und den Bürgerkrieg in Syrien noch weiter erhöht.

IRAK: IMMER WIEDER KÄMPFE UND KAUM HOFFNUNG AUF SAUBERES WASSER

Neben der zurückgehenden Wassermenge in Euphrat und Tigris ist der Irak auch von weiteren gravierenden Wasserproblemen betroffen. Die Kriege und Anschlagsserien der letzten Jahrzehnte haben zu einer weitgehenden Zerstörung der Wasserinfrastruktur geführt. Offenkundig haben auch Milliardenhilfen für den Wiederaufbau der Versorgung die katastrophale Situation nicht beheben können. Es spricht viel dafür, dass ein großer Teil der Gelder in dunklen Kanälen versickert ist, mit der Folge, dass riesige Mengen wertvollen Wassers weiterhin durch Leckagen im Wüstensand versickern.

Auch die Schadstoffbelastung des Wassers wirft Probleme auf. Der Kinderarzt Ehssan Ali äußerte im März 2013 gegenüber einem deutschen Journalisten: "Verdrecktes Wasser ist ein Problem. Tote durch Cholera. Durchfall, Nierensteine und andere Krankheiten sind an der Tagesordnung. Jeder kann mit bloßem Auge sehen: Unser Wasser ist verseucht."

Viele Menschen im Irak trinken trotzdem weiterhin dieses Wasser, weil sie keine Alternative haben. Der Kinderarzt ist überzeugt: "Den ständigen Beteuerungen, das Wasser werde immer wieder getestet und sei nicht belastet, steht die Masse der Krankheitsfälle gegenüber. Sie beweisen: Irakisches Wasser darf man nicht trinken."

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Frauen und Kinder an einer Wasserquelle in Luanda, Angola © IRIN / Jaspreet Kindra


Nach UN-Angaben ist im Irak ein Fünftel der Bevölkerung darauf angewiesen, Flaschenwasser als wichtigste Quelle von Trinkwasser zu kaufen. Auch wer über einen Wasseranschluss verfügt, muss erleben, dass daraus nur selten Wasser fließt. Gleichzeitig sollen in Bagdad die Wasserverluste auf dem Weg zu den Kunden 30 % betragen, vermutlich eine eher niedrige Schätzung. Der Wiederaufbau der Infrastruktur wird durch die andauernde Gewalt im Land stark behindert – und gleichzeitig erhöht der Mangel an sauberem Wasser das Konfliktpotenzial in der Gesellschaft, das sich immer wieder in Gewalt entlädt.

Auch im Nachbarland Syrien lässt sich die Wechselwirkung von Wasserkonflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen studieren. Der jetzige Bürgerkrieg ist zu einem erheblichen Teil das Ergebnis der Konflikte um Wasser, die die soziale und politische Unzufriedenheit erhöht haben. Wesentliche Ursachen dafür waren weniger Wasser in den Flüssen, lang anhaltenden Dürrezeiten am Ende des letzten Jahrzehnts und der schlechte Zustand der Wasserversorgung. Nun wird die Wasserinfrastruktur zerbombt, und die Versorgung hat sich weiter verschlechtert. Dies gilt besonders für die vier Millionen Flüchtlinge innerhalb Syriens und die zwei Millionen Flüchtlinge in den Nachbarländern.

JEDER TROPFEN ZÄHLT

Es gibt eine Vielfalt von Ansätzen, wie die Wasserprobleme im Nahen Osten gelöst werden können. Länder, die sich das leisten können, haben in aufwendige Meerwasserentsalzungsanlagen investiert und nehmen einen hohen Energieverbrauch in Kauf. Umweltschützer in der Region weisen auf die negativen ökologischen Folgen dieser industriellen Meerwasserentsalzung hin.

In Jordanien fehlt das Geld, das ganze Land mit entsalztem Meerwasser zu versorgen. Hier gehen deshalb immer mehr Bauernfamilien dazu über, gereinigtes Abwasser für Bewässerungszwecke zu nutzen. Zunächst gab es Vorbehalte, aber inzwischen rümpft kaum noch jemand die Nase über dieses "gebrauchte" Wasser, von dem dank Kläranlagen kein Gesundheitsrisiko ausgeht. Jordanien nutzt mittlerweile 114 Millionen Kubikmeter gereinigtes Wasser im Jahr, vor allem für die Bewässerung der Felder im Jordantal. Inzwischen können weit mehr als eine Million Tonnen Obst und Gemüse exportiert werden, mit denen 2011 über 16 % der jordanischen Exporterlöse erzielt wurden.

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Spielendes Kind an einem Fluss in Bangladesch © UNICEF Bangladesh

Das Sultanat Oman hat sich angesichts knappen Wassers auf bewährte traditionelle aflaj-Bewässerungssysteme besonnen, die vor mehr als 2.000 Jahren entstanden sind. Das Wasser aus Quellen und Brunnen wird unter Ausnutzung des natürlichen Gefälles aus dem Gebirge durch Tunnel in die Ortschaften geleitet. Dort besteht ein seit Jahrtausenden bewährtes System der Wasserverteilung. Die Familie haben traditionelle Ansprüche darauf, dass für eine festgelegte Zeit Wasser zu ihrem Haus sowie in ihre Gärten und Felder geleitet wird.

Von den ursprünglich 4.000 Wassersystemen sind heute noch über 3.000 voll funktionsfähig und versorgen große Teile der ländlichen Bevölkerung und der Landwirtschaft Omans mit Wasser. Fünf aflaj-Systeme wurden als Weltkulturerbe ausgewählt. Mit seiner Wasserkultur bietet Oman ein Beispiel für eine nachhaltige Nutzung knapper Wasserressourcen, die auf der Einsicht beruht: Jeder Tropfen zählt.

Die 110-seitige Analyse "Bevor die Wasseruhr abläuft ... Wasserkonflikte und Wasserkooperation im Nahen Osten" von Frank Kürschner-Pelkmann kann auf seiner Website heruntergeladen werden.

kuerschner-pelkmann frankFrank Kürschner-Pelkmann
lebt in der Nähe von Hamburg,
arbeitet als freier Journalist
und betreibt u.a. die Website
www.wasser-und-mehr.de.


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