Karin KortmannBerlin (epo). - Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Karin Kortmann, hat die Bedeutung der Katastrophenvorsorge bei der Entwicklungszusammenarbeit bekräftigt und Vorwürfe zurückgewiesen, die Bundesregierung berücksichtige bei der Unterstützung des Wiederaufbaus in Pakistan das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht genügend. "Wir müssen die Spirale von Armut und Katastrophenanfälligkeit überwinden", sagte die SPD-Politikerin in einem Interview mit Entwicklungspolitik Online. "Man muss aber auch sehen, dass die Gebernationen nicht das internationale Katasteramt sind und bestimmen, wie eine Regierung, z.B. wie Pakistan, über Landtitel oder Landverteilung entscheidet."

Nach dem Erbeben der Stärke 6,8 am 8. Oktober 2005 in Pakistan und Teilen Indiens mit mehr als 80.000 Todesopfern hatten Geologen in Entwicklungspolitik Online auf große Fehlentwicklungen bei der Besiedelung der Bergregionen in Kaschmir hingewiesen und gefordert, dass eine nachhaltige Entwicklungspolitik darauf hin arbeiten müsse, derartig verheerende Katastrophenfolgen - bei einem nur mittelschweren Erdbeben - künftig zu vermeiden.

"Da kann uns keiner nachweisen, dass wir das nicht ausreichend beachten würden", konterte Staatssekretärin Karin Kortmann nun im epo-Interview. "Entwicklungszusammenarbeit ist aber immer auch eine kulturelle Frage: Wie kann ich zu der Entscheidung beitragen, wie Menschen bauen?"

"WIR SIND NICHT DAS INTERNATIONALE KATASTERAMT"

Kortmann verwies auf den begrenzten Einfluss der Geberländer auf Entscheidungen der Regierungen in den Entwicklungsländern: "Wir sind Geber mit eingeschränkter Haftungspflicht und eingeschränkten Möglichkeiten, und es kommt darauf an, wie viel Beratung eine Regierung entgegennimmt oder nicht. Es gehört auch zu guter Regierungsführung, sich in diesen Fällen beraten zu lassen. Man muss aber auch sehen, dass die Gebernationen nicht das internationale Katasteramt sind und bestimmen, wie eine Regierung, z. B. wie Pakistan über Landtitel oder Landverteilung entscheidet."

Diplom Geologe Dr. Heinz Hilbrecht hatte in einem am 27. Dezember 2005 in epo erschienenen Artikel mit dem Titel "Pakistan: Viele Erdbeben-Opfer hätten verhindert werden können" konstatiert: "Ein Erbeben der Stärke 6,8 auf der Richterskala, wie am 8. Oktober im Norden Pakistans, ist ein starkes Beben. Aber die Totalvernichtung ganzer Siedelungen und die große Zahl der Toten und Verletzten schlägt völlig aus dem Rahmen. Es gibt im Erdbebengebiet genügend Beispiele für praktisch unbeschädigte Siedlungen und Siedlungsteile, die in einem geologisch sicheren Umfeld stehen."

Nötig wären eine Flurbereinigung, eine vorausschauende Raumplanung und der Aufbau einer Wasserversorgung auch für entlegene Regionen Pakistans. Diese Erkenntnisse müssten in langfristige Wiederaufbaumaßnahmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit einfliessen. Für eine langfristige, vorausschauende Entwicklung im Sinne der Vermeidung von Katastrophen wäre eine Stärkung der lokalen und regionalen Behörden dringend erforderlich. "Statt dessen herrscht in der Not- und Katastrophenhilfe wie auch in der Entwicklungszusammenarbeit ein auf kurzfristige Erfolge ausgerichteter Interventionismus vor, der die lokalen Strukturen schwächt statt stärkt", lautete die Analyse der epo Redaktion. "Deshalb wird es beim nächsten mittleren Erdbeben wieder viele unnötige Tote in Ländern wie Pakistan geben."

Erdbeben in Pakistan. Foto: Hilbrecht
Erdbebenfolgen in Pakistan. Foto ? Hilbrecht

DIE ÄRMSTEN LEBEN IN DEN GEFÄHRDETSTEN REGIONEN

Eine epo-Recherche bei der mit der Konzeption von Wiederaufbaumaßnahmen in Pakistan beauftragten Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hatte ergeben, dass raumplanerische Überlegungen beim Wiederaufbau kaum eine Rolle spielen. Staatssekretärin Kortmann verwies nun auf positive Beispiele beim Wiederaufbau nach dem Hurrikan "Mitch" in Mittelamerika: In Nicaragua sei es ihr gemeinsam mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele gelungen, in Gesprächen mit Staatschef Aleman und Oppositionsführer Ortega durchzusetzen, "dass die Menschen nachher auch Landtitel bekommen haben." Generell müsse man aber konstatieren, dass "die Ärmsten nun einmal auch in den gefährdetsten Regionen untergebracht sind".

Zum Vorwurf des auf kurzfristige Erfolge ausgerichteten Interventionismus bei der Not- und Katastrophenhilfe sagte Kortmann: "Wir stehen doch alle unter einem enormen Erfolgsdruck." Die Medien, die allgemeine Öffentlichkeit und die Spender forderten schnelle Ergebnisse. "Vor allem nach der Tsunami-Katastrophe war der Erfolgsdruch immenser als je zuvor".

SPENDEN NICHT ZWECKGEBUNDEN VERGEBEN

Karin Kortmann appellierte im epo-Interview an spendenwillige Bürger, ihre Spenden nicht zweckgebunden zu vergeben: "Organisationen, die in der Nothilfe tätig sind, hatten z.B. bei der Tsunami-Katastrophe ein hohes Spendenaufkommen, während Organisationen, die langfristigen Wiederaufbau betreiben wie Misereor über ein vergleichsweise niedriges Spendenvolumen verfügten. Hier hilft Aufklärung bei den Spendern: 'Spenden Sie nicht unbedingt zweckbestimmt!' Denn die Werke und Organisationen wissen sehr wohl, wie man das Geld auch über längerfristige Zeiträume erfolgversprechend einsetzt - damit sie nicht gezwungen sind, das Geld innerhalb von 12 Monaten auszuzahlen. Entwicklungspolitik ist langfristig notwendig. Das ist ein Bewußtsein, das wir noch rüberbringen müssen."

Die Diplom-Sozialpädagogin, in den 90er Jahren hauptamtliche Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), betonte die postive Rolle von nichtstaatlichen Organisationen und der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit: "Wir müssen sehr viel mehr Bausteine entwickeln, wie wir diese Bildungsarbeit in die Schulen, in die Jugendverbände, aber auch in andere Einrichtungen der außerschulischen Bildung bringen. "Die rot-grüne Regierung hat hier ordentlich draufgesattelt - daran wird sich auch nichts ändern in den kommenden vier Jahren."

KRITIK AN DER ENTWICKLUNGSPOLITIK IN NRW

Scharfe Kritik übte die Entwicklungspolitikerin an der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen und dem für Entwicklungspolitik zuständigen Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration, Armin Laschet: "Ich bin aus Nordrhein-Westfalen. Ich erlebe im Moment, dass in Nordrhein-Westfalen durch den dortigen Entwicklungsminister Armin Laschet die Projekte für die Eine Welt Arbeit reduziert werden. Die Landesregierung setzt ordentlich den Rotstift an. Das, was wir als Promotorenprogramm in Nordrhein-Westfalen über viele Jahre hatten, dass hauptberuflich tätige Menschen genau diese Netzwerkfunktion aufnehmen und für Bildungsarbeit sorgen, wird leider stark gekürzt. "Was in Nordrhein-Westfalen im Moment passiert, kann ich nur heftigst kritisieren, das ist nicht nachhaltig und nicht ergebnisorientiert. Es scheint, dass alleine haushaltstechnische Gründe, von der FDP eingebracht, entscheidend sind - aber man spart an der falschen Stelle."

Das Interview führte epo-Chefredakteur Klaus Boldt im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin.

 


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