unicef neu 150New York. - Rund drei Jahre nach der Entführung von über 200 Mädchen in Nigeria missbraucht die Terror-Miliz Boko Haram weiterhin systematisch Kinder in der Tschadsee-Region für ihre Zwecke. Laut einem neuen UNICEF-Report werden Mädchen und Jungen gezielt entführt und als Kämpfer, Helfer oder Sexsklavinnen benutzt. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres wurden 27 Kinder als Sprengstoff-Attentäter in den Tod geschickt.

"In den ersten drei Monaten des Jahres wurden bereits fast so viele Kinder für Sprengstoff-Attacken missbraucht wie im gesamten letzten Jahr – das ist der schlimmstmögliche Einsatz von Kindern in einem Konflikt", sagte Marie-Pierre Poirier, UNICEF-Regionaldirektorin für West- und Zentralafrika. Seit 2014 wurden insgesamt 117 Kinder – die meisten von ihnen Mädchen – in Nigeria, Tschad, Niger und Kamerun dazu gebracht, sich auf öffentlichen Plätzen in die Luft zu sprengen. Das hat zu Misstrauen und tiefer Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen. "Diese Kinder sind in erster Linie Opfer und keine Täter", sagte Poirier. "Sie durch Zwang oder Täuschung zu solch grausamen Taten zu bringen ist abscheulich."

ENTFÜHRUNG DER CHIBOK-MÄDCHEN WAR KEIN EINZELFALL

Vor drei Jahren sorgte die Entführung von über 200 Schulmädchen aus einem Internat in Chibok (Nigeria) und die Kampagne „Bring back our girls“ für weltweite Aufmerksamkeit. Der UNICEF-Bericht "Silent Shame. Bringing out the voices fo children caught in the Lake Chad crisis" zeigt jedoch, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelte. Vielmehr entführt Boko Haram systematisch Kinder, um ihre Terrorgruppe zu verstärken und für Angst und Schrecken  zu sorgen. Tausende von Mädchen und Jungen wurden in den vergangenen Jahren verschleppt und mit Gewalt, Drohungen oder Versprechungen dazu gebracht, beispielsweise als Koch, Fahrer oder Wachtposten zu arbeiten, zu kämpfen oder Kämpfer zu "heiraten".

So wie Dada (Name geändert), die als Zwölfjährige aus ihrem Dorf entführt und mit hunderten anderen Kindern festgehalten wurde. Zur Einschüchterung wurde ein Mädchen vor ihren Augen hingerichtet. Nach einigen Monaten wurde Dada einem „Ehemann“ gegeben, der sie unzählige Male vergewaltigte. Nach ihrer Flucht aus dem Terroristencamp stellte Dada fest, dass sie schwanger war. Inzwischen lebt die heute 15-Jährige mit ihrer zwei Jahre alten Tochter in einem Flüchtlingscamp in Nigeria.

OPFER LEIDEN UNTER STIGMA UND AUSGRENZUNG

Das Leid der Opfer ist oft auch dann nicht vorbei, wenn sie nach Monaten oder Jahren aus der Gefangenschaft fliehen oder befreit werden konnten. Ihr Umfeld ist häufig misstrauisch gegenüber allen, die mit Boko Haram in Verbindung gebracht werden. Aus Angst vor Ausgrenzung behalten viele Opfer deshalb ihre traumatischen Erlebnisse für sich.

Die Behörden in den Ländern der Tschadsee-Region haben vergangenes Jahr rund 1.500 Minderjährige aufgegriffen, die mit Boko Haram in Verbindung gestanden haben sollen. UNICEF ist besorgt über die oft monatelange Schutzhaft und fordert eine schnelle Überführung an zivile Behörden sowie Programme zur Unterstützung der Minderjährigen. Die Freilassung von über 200 Minderjährigen am 10. April durch die nigerianischen Behörden ist ein wichtiger Schritt zum besseren Kinderschutz.

Die Reintegration der Opfer ist ein langwieriger Prozess, den UNICEF in Zusammenarbeit mit religiösen Führern und Gemeindeältesten unterstützt. Außerdem hat UNICEF 2016 mehr als 300.000 Kinder in Nigeria, Tschad, Kamerun und Niger mit psychosozialer Hilfe erreicht, um ihnen bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse zu helfen. 800 Kinder konnten mit ihren Familien wiedervereint werden.

HUMANITÄRE HILFE FÜR KINDER IN DER TSCHADSEE-REGION

2,3 Millionen Menschen – unter ihnen mehr als 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche – wurden in der Tschadsee-Region aus ihrer Heimat vertrieben. Über zehn Millionen Menschen brauchen dringend humanitäre Hilfe. In Folge des Konflikts leidet rund eine halbe Million Kinder im Nordosten Nigerias unter lebensbedrohlicher Mangelernährung. UNICEF stellt therapeutische Spezialnahrung zur Verfügung, um die Mädchen und Jungen vor dem Hungertod zu retten, unterstützt die Wasserversorgung in den Flüchtlingscamps und richtet Notschulen ein.

=> UNICEF- Report Silent Shame

Quelle: unicef.de


Back to Top