Weltsozialbericht 2005New York (epo). - Trotz eines dynamischen Wachstums und eines verbesserten Lebensstandards in einigen Teilen der Welt, etwa in Ostasien, bleibt die Armut in der Mehrzahl der Länder fest verwurzelt und die Ungleichheit wächst. Darauf weist der Weltsozialbericht 2005 der Vereinten Nationen hin, der jetzt unter dem Titel "The Inequality Predicament" in New York veröffentlicht wurde. Der Bericht beleuchtet die Kluft zwischen der formellen und der informellen Wirtschaft, die wachsende Ungleichheit zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften und die zunehmenden Unterschiede in Gesundheitsversorgung, Bildung, und Möglichkeiten der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitwirkung.

"Indem er einige der wichtigsten Themen beleuchtet, die die soziale Entwicklung heute beeinflussen, kann der Bericht entscheidende Maßnahmen unterstützen, um eine sicherere und bessere Welt zu schaffen, in der die Menschen ihre fundamentalen Rechte und Freiheiten besser genießen können. Das Schicksal der Ungleichheit zu überwinden, ist ein elementarer Bestandteil dieser Bemühungen", erklärte UNO-Generalsekretär Kofi Annan.

Der Bericht breche mit den Methoden, "die Wirtschaftswachstum als ein Patentrezept für die Lösung von Entwicklungsproblemen sehen", heißt es in einer Stellungnahme der Vereinten Nationen. Vielmehr stelle der Report fest, dass die Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum und die Generierung von Einkommen nicht genügend Aufmerksamkeit auf die Tatsache richte, dass die Armut von einer Generation an die nächste weitergeben werde. "Dies kann zu einer Vermögensanhäufung bei wenigen und zur Verarmung vieler führen", so der Bericht. "Trotz beachtlichen Wirtschaftswachstums in vielen Regionen ist die Welt ungleicher als vor 10 Jahren."

Weltsozialbericht - Grafik: UNO
Bruttoinlandsprodukt in den reichsten
und in den ärmsten Ländern. [Grafik: UNO]

"Wir werden die Entwicklungsagenda nicht vorantreiben können, ohne die Herausforderungen der Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern anzusprechen", sagte Jos? Antonio Ocampo, Untergeneralsekretär für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten. Mit dem Jahr 2015 als Ziel für die Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele sei jetzt der richtige Zeitpunkt, um das Ziel der Reduzierung von Ungleichheit in die Strategien zur Entwicklung, Sicherheit und Menschenrechte für alle miteinzubeziehen."

Einige der Ergebnisse des Weltsozialberichts 2005 im Wortlaut:

Pfeil Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern hat die Globalisierung begleitet. Diese Ungleichheit hat viele negative Auswirkungen in Bereichen wie dem Arbeitsmarkt, der Arbeitsplatzsicherheit und der Löhne. Die spezifische Rolle der Liberalisierungs- und Deregulierungspolitik bei diesen Trends steht jedoch noch zur Debatte.

Pfeil Die Arbeitslosigkeit bleibt in vielen Bereichen hoch. Jugendliche sind mit einer zwei bis drei Mal höheren Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit betroffen als Erwachsense und stellen derzeit 47 Prozent der 186 Millionen Arbeitslosen weltweit. Die meisten Arbeitsmärkte können nicht alle jungen Menschen, die Arbeit suchen, aufnehmen. Das Unvermögen der Staaten, junge Menschen in die formelle Wirtschaft zu integrieren, hat schwere Auswirkungen, wie das rasche Wachstum der informellen Wirtschaft und zunehmende nationale Instabilität.

Pfeil Millionen von Menschen arbeiten und bleiben arm. Fast ein Viertel aller Arbeitskäfte weltweit verdienen nicht genug, um sich und ihre Familien über die Armutsschwelle von einem US-Dollar pro Tag zu heben. Eine große Mehrheit dieser armen Arbeitenden sind informelle Arbeitskräfte ausserhalb der Landwirtschaft. Sich verändernde Arbeitsmärkte und zunehmender globaler Wettbewerb haben zu einer Explosion der informellen Wirtschaft und einer Verschlechterung von Löhnen und Arbeitsbedingungen, besonders in Entwicklungsländern geführt.

Pfeil In vielen Ländern hat die Ungleichheit der Löhne, besonders zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften, seit Mitte der Achtzigerjahre zugenommen, mit sinkenden Reallöhnen und starken Anstiegen in den höchsten Einkommensschichten. China und Indien haben beachtliche Einkommenszuwächse gesehen, aber die Ungleichheiten bleiben groß. In den Industriestaaten hat die Einkommenskluft besonders stark in Kanada, dem Vereinigten Königreich und den USA zugenommen.

Pfeil Trotz Fortschritten in manchen Bereichen hat die Ungleichheit beim Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zugenommen, besonders innerhalb von Ländern. Afrika südlich der Sahara und Teile Asiens sind in der schlimmsten Situation. Unterschiede bei der Lebenserwartung haben dramatisch zugenommen. HIV/AIDS hat diese Unterschiede verschärft, besonders zwischen Afrika und dem Rest der Welt. Große Lücken bestehen auch beim Zugang zu Impfungen, bei der Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder, Ernährung und Bildung. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beim Zugang zu Bildung hat etwas abgenommen, besteht aber weiter. Diese Situation trägt zu einer Krise des Humankapitals bei und bedroht die nachhaltige Armutsverringerung.

Pfeil Gewalt hat seine Wurzeln häufig in der Ungleichheit. Sowohl für den nationalen als auch den internationalen Frieden und die Sicherheit ist es gefährlich, wirtschaftliche und politische Ungleichheit größer werden zu lassen. Solche Ungleichheiten, besonders Kämpfe um politische Macht, Land oder Vermögen können soziale Auflösung und Ausgrenzung schaffen und zu Konflikten und Gewalt führen. Manifestationen solcher im Bericht diskutierten Gewalt schliessen Kriege, den Einsatz von Kindersoldaten und häusliche und sexuelle Gewalt mit ein.

Pfeil Indigene Völker, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen und Jugendliche sind üblicherweise von Entscheidungsprozessen, die ihr Wohl betreffen, ausgeschlossen. Diesen Gruppen, die durch die Geschichte hindurch diskriminiert wurden, werden immer noch häufig ihre grundlegenden Menschenrechte verwehrt. Oft sind sie auch vom politischen Prozess ausgeschlossen.

Entwicklungshilfe-Anteil am Brutto-Inlandsprodukt. Grafik: UNO
Entwicklungshilfe gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Das UN-Ziel liegt seit 1970 bei 0,7%. [Grafik: UNO]

Auf diesen Erkenntnissen basierend, empfiehlt der Weltsozialbericht 2005 folgendes:

Pfeil Weltweite Ungleichmäßigkeiten durch die Globalisierung sollten beseitigt werden, und das Schwergewicht sollte auf eine gerechtere Verteilung der Profite einer zunehmend offenen Weltwirtschaft gelegt werden. Das sollte durch die Förderung demokratischer Teilnahme aller Länder und Völker an den Prozessen, die die internationale Entwicklungsagenda bestimmen, erleichtert werden.

Pfeil Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sollten gefördert und besondere Bemühungen für die Integration von Randgruppen in die Gesellschaft unternommen werden. Diese Bemühungen müssen von politischem Willen gestützt werden.

Pfeil Um globale Konflikte und Gewalt zu verhindern, muss mehr Aufmerksamkeit auf die Verringerung von Ungleichheiten beim Zugang zu Ressourcen und Chancen gelegt werden.

Pfeil Die Zustände in der informellen Wirtschaft sollten durch soziale Schutzprogramme und eine bessere Verknüpfung der formellen und der informellen Wirtschaft verbessert werden.

Pfeil Die Möglichkeiten für eine produktive und anständige Beschäftigung sollten erweitert werden; Jugendliche sollten bei Beschäftigungspolitiken und -programmen im Blickpunkt stehen. Durch eine ehrbare Beschäftigung sind jene, die sich Arbeitsplätze sichern und angemessene Entschädigungen, Leistungen und Rechtsschutz erhalten können, dazu in der Lage, ihre Anliegen vorzubringen und aktiver in der Gesellschaft mitzuwirken.

Pfeil Solange der Beseitigung der globalen Ungleichheit keine Beachtung geschenkt und die umfassende Vision einer sozialen Entwicklung, die beim Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen beschlossen wurde, nicht weiter verfolgt wird, werde der Teufelskreis der Ungleichheit verewigt werden, warnt der Bericht. Die Bemühungen, die Milleniumsentwicklungsziele zu erreichen, seien dann vergebens gewesen.

? Vereinte Nationen
? UN Department of Economic and Social Affairs:
Report on the World Social Situation 2005: The Inequality Predicament


Back to Top