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indien microfinance3 mv 150Bangalore. - Sind Marktlösungen die bessere Alternative, wenn es um die Linderung von Armut und anderer Entwicklungs-Hemmnisse geht? Schon seit einigen Jahren wird versucht, sozialen und ökonomischen Wandel an der "Bottom of the Pyramid" mit Hilfe von unternehmerischen Ansätzen herbeizuführen. Hinter Begriffen wie "Venture Philanthropy", "Impact Investing" oder "Social Entrepreneurship" steckt der Glaube, dass der Markt im Stande sei, auf wesentlich effizientere Weise den Zugang zu wichtigen Gütern und Dienstleistungen für die ärmsten Schichten der Bevölkerung zu ermöglichen, als es die "klassische" Entwicklungshilfe jemals könnte. Ein Erfahrungsbericht (Teil 2) von Dr. Martin Vogelsang (Bangalore).

Eine wichtige Handlungsanleitung für die neue Art des Denkens über Entwicklungszusammenarbeit lieferte das 2005 erschienene Buch "The Fortune at the Bottom of the Pyramid" von Professor C.K. Prahalad. Darin erklärte Prahalad, wie sich Investoren bzw. Unternehmen mit ihren Produkten und Dienstleistungen Zugang zu den Bevölkerungsschichten verschaffen konnten, die von zwei US-Dollar pro Tag und weniger leben, und wie sie dabei gleichzeitig Armut und Krankheiten bekämpfen konnten.

Für eine Weile schien es so, als wenn alles, was über die theoretischen und praktischen Implikationen dieses Ansatzes zu sagen war, auf Prahalads Buch basierte, das mit einigen sehr aufschlussreichen Fallstudien über erfolgreiche Sozialunternehmen wie Jaipur Rugs oder Aravind Eye Care aufwartete. So wuchs bei Investoren und selbst bei manchen philantropischen Organisationen allmählich der Glaube daran, dass es tatsächlich grosse Marktpotenziale "an der Basis der Pyramide" gäbe.  Wenn man einigen von ihnen Fragen gestellt hätte, wie: "Kann man mit Produkten für das Marktsegment der Armen tatsächlich Skalierbarkeit erreichen?" oder "Kann finanzieller Profit mit sozialem Return on Investment einhergehen?", dann hätte man – zumindest noch bis vor kurzer Zeit - euphorische Antworten zu hören bekommen.

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Versammlung eines Dorfkomitees mit Angestellten einer Mikrofinanzorganisation (links, mitte). Die Rückzahlung der Kreditraten wird in einem simplen Heft vermerkt.

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die 2008 ausgebrochene globale Finanzkrise mit dazu beitrug, dass dieser neue Entwicklungsansatz noch an Bedeutung gewann. In Folge der Ereignisse, durch welche nur allzu deutlich die dunklen Seiten des Kapitalismus sichtbar wurden, suchte immer mehr Geld privater und institutioneller Anleger nach sicheren Häfen. Und "ethisches" oder "nachhaltiges" Investment schien gleich mehrere Bedürfnisse auf einmal zu befriedigen: Eine gute - wenn auch niedrigere - Rendite, gepaart mit sozialem und/oder ökologischem Nutzen. Und so machten sich "Impact Investoren" und "Venture-Philantropisten" auf den Weg nach Asien und Afrika, um dort erfolgversprechende Businessmodelle in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien zu finden. Das Ziel dabei war es, sie mittels Investitionen bis zur Marktreife zu bringen.  

Doch kaum zwei Jahre später kam es zu einer weiteren, lokalen Krise, die nunmehr auch das Vertrauen in die Idee erschütterte, durch Investment Gutes tun zu können.  

DAS HERZ DES INDISCHEN MIKROFINANZSEKTORS

Anfang Oktober 2010 zogen sich düstere Wolken über dem Mikrofinanzsektor zusammen, die sich zu einem regelrechten Wirbelsturm auswachsen sollten. Um angebliche schwere Verfehlungen des Mikrofinanzsektors zu ahnden, erließ die Regierung des südindischen Bundesstaates Andhra Pradesh eine rechtliche Verfügung, die die Arbeit des Sektor fast völlig zum Erlahmen brachte. Der Vorwurf lautete: Als Folge von zu hohen Kreditzinsen und brutalen Methoden bei der Eintreibung ihrer Mikrokredite sei es zu zahlreichen Selbstmorden – von bis zu 77 war die Rede - unter den Kreditnehmern gekommen.

Dazu muss man wissen, dass Andhra Pradesh als das Herz des indischen Mikrofinanzsektors gilt. SKS aus Andhra Pradeshs wirtschaftlicher Metropole Hyderabad war das erste indische Mikrofinanzunternehmen, das erfolgreich an die Börse gebracht worden war. Aber genau in dieser zunehmenden Kommerzialisierung des Sektors sahen manche Beobachter das Problem: Sie hätte für einen wachsenden Margendruck und letztlich auch für eine Abkehr von den ursprünglichen sozialen Zielen gesorgt. Von "Mission Drift" war auf einmal die Rede.

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Kleinstunternehmer: Ein Weber auf dem Land...

Die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung für den Mikrofinanzsektor waren verheerend. Bis Anfang des Jahres 2011 fielen die Rückzahlungsquoten der Kreditnehmer von 99% auf weniger als 20%. Die strengen Regulierungen, welche die Regierung des Bundesstaates eingeführt hatte (z.B. mussten sich alle Filialen von Mikrofinanzorganisationen registrieren lassen und Kredite sollten künftig nicht mehr per Hausbesuche eingetrieben werden können), kombiniert mit den offenen Ermutigungen populistischer Lokalpolitiker, die Schuldner sollten doch einfach  ihre Zahlungen verweigern, liess die Rückzahlungsquote im gesamten Sektor auf zeitweise unter 20% sinken. Die Krise bedeutete eine unmittelbare und existenzielle Gefahr für den Mikrofinanzsektor in ganz Indien. Für die Kreditgeber wurde es zunehmend schwieriger, bei den misstrauisch gewordenen Investoren neues Kapital zu generieren.

Diese Ereignisse hatten gerade einmal zwei Wochen nach meiner Ankunft in Indien begonnen. Wir selbst waren nicht in diesem Sektor tätig. Jedoch arbeiteten wir mit Mikrofinanzorganisationen zusammen, die uns dabei helfen sollten, bestimmte Produkte wie Mikroversicherungen und revolvierende Fonds zu erproben, durch die wir unterprivilegierten Menschen dabei helfen wollten, sich und ihre Familien von der ständigen Angst vor dem finanziellen und sozialen Ruin zu befreien. Es kam uns zugute, dass sich unsere Partner Equitas Microfinance und Grameen Koota als zwei Mikrofiananzanbieter entpuppten, die mit moderaten Renditeversprechungen für ihre Investoren agierten und die ausserdem über relativ einkommensstarke Kreditnehmerstrukturen verfügten.

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... Plastik-Recycling im Slum von Mumbai.

Aber letztlich deuteten diese Ereignisse bereits an, dass hinsichtlich der Chancen, Märkte für die Ärmsten zu erschliessen, jeglicher "irrationaler Überschwang" (ein Begriff, der vom früheren Federal Reserve Bank-Chef Alan Greenspan angesichts der wachsenden Internet-Aktienblase Ende der 90er Jahre geprägt wurde) unangebracht war.

> Teil 1: Ist der Markt der bessere Entwicklungsmotor? | (Es folgt ein 3. Teil)

Fotos © Martin Vogelsang

vogelsang martinDr. Martin Vogelsang ist Country Director India
bei Fem Sustainable Social Solutions (femS3).
Er lebt in Bangalore und Berlin.


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